„Savages“: Trio Infernal im Drogenkrieg

Oliver Stones gelungene Verfilmung von Don Winslows Krimi „Zeit des Zorns“ glänzt mit schwarzem Humor: ein amoralischer Film über Moral – oder umgekehrt? Im Kino.

(c) UPI

Mit einer Rückkehr zum schwarzen Humor seines schrägen Wüsten-Thrillers „U-Turn“ setzt Regisseur Oliver Stone nach einer schwierigen Dekade auf ein kommerzielles Kraftpaket: „Savages“, seine Adaption des Drogenkrimis „Zeit des Zorns“ von Don Winslow (der wie Stone selbst am Drehbuch mitschrieb), feiert fröhliche Urständ mit Sex, Gewalt und Marihuana.

Davor hatte es sich Stone souverän sowohl mit der Rechten (die Fidel-Castro-Dokumentation „Comandante“) wie der Linken (das 9/11-Feuerwehrmann-Weihespiel „World Trade Center“) verscherzt. Und auch beim Publikum hatten weder sein größenwahnsinniger Geschichtsfilm „Alexander“ noch die vermeintlich sichere – und schwer unterschätzte – Fortsetzungspolitik von „Wall Street: Money Never Sleeps“ reüssiert.

Aber wie es der stets zwiespältigen Stoßrichtung des Hollywood-Ausnahmeregisseurs Stone entspricht, ist „Savages“ dabei voller Widerhaken, deren Absichtlichkeit schwierig zu deuten ist: Stone ist immer engagiert und dabei oft überwältigt vom Entertainment-Wert dessen, was er kritisiert.

 

Paradies: Graszüchter-Existenz

Allein schon den Titel des neuen Films werfen sich die konkurrierenden Fraktionen ständig um die Ohren: Jeder bezeichnet die anderen als „Savages“, doch wer sind die wahren Wilden hier? Das Trio Infernal von jungen US-Erfolgszüchtern, die am Strand von Südkalifornien dank ihrer Produktion von superstarken Grasblüten ein paradiesisches Leben führen? Oder doch die Leute vom mexikanischen Drogenkartell, das über die Grenze drängt und dabei vor nichts zurückschreckt? Ganz zu schweigen vom korrupten Drogenbekämpfungs-Beamten, der bei allen Deals mitschneidet – und sich trotzdem wundert, dass in seinem bestechlichen Universum keine Handschlagqualitäten gelten. Ein typischer komischer Höhepunkt des Films ist, wenn er nur fassungslos quietscht: „Du hast eben einen Bundesbeamten erstochen!“

Einen amoralischen Film über Moral könnte man „Savages“ nennen – oder auch umgekehrt: Die surreale Atmosphäre dieses Labyrinths aus brutalen Anschlägen und verwinkelten taktischen Schachzügen intensiviert Stone nicht nur durch bewährte Exzesse mit Farbfiltern und Kamerakreiseln. Sondern auch durch eine Erzählung, die wie halluziniert wirkt: „Bloß, weil ich die Geschichte erzähle, heißt das nicht, dass ich am Schluss überlebe“, führt uns das blonde surfer girl, das alle nur O (kurz für Ophelia) nennen, in die Erzählung ein: Von Blake Lively als charismatische Leerstelle verkörpert, lebt O in einer merkwürdigen Neo-Hippie-Ménage-à-trois mit den beiden erfolgreichen Graspflanzern Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Johnson).

Chon ist angeknackster Kriegsheimkehrer – „I have orgasms, he has wargasms“, beschreibt O den gemeinsamen Sex. Aus dem Mittleren Osten hat er dabei Spitzensamen zurückgeschmuggelt, auf denen das gemeinsame kleine, aber feine Drogenunternehmen basiert. Ein zweiter Kriegsimport wird Chon zugute kommen, als die Situation eskaliert: das technische Wissen. Denn sein Partner Ben ist Buddhist und Menschenfreund – eine Weltanschauung, die sich allerdings nicht halten lässt, nachdem das Video mit den abgehackten Köpfen beim Trio eintrudelt.

Mit dem kündigt das mexikanische Kartell an, am erfolgreichen Nachwuchs-Business profitabel mitschneiden zu wollen. Wo Stones gut aussehende Jungdarsteller insgesamt etwas zu persönlichkeitsarm bleiben (es passt immerhin zu ihren naiven Vorstellungen eines kriminellen Konsumglücks), geben Benicio del Toro als verschlagener Vollstrecker und Salma Hayek als glamouröse Chefin des Kartells großartig überzogene Charakterdarstellungen mit Starqualität.

 

John Travolta als Drogenbeamter

John Travolta als aufgedunsener, bestechlicher Drogenbeamter steht ihnen nicht nach. Jede Szene mit ihnen ist purer Pulp-Genuss, gerade im genüsslichen Detail: Allein wie del Toro verächtlich die Tomaten rauszieht und wegwirft, als er kurzerhand Travolta dessen Sandwich wegnimmt. Auch sonst dreht Stone enthusiastisch auf: Nachdem O vom Kartell entführt wird, gibt es Sadismus-und-Seifenopern-Spiele mit del Toro im Gefängnis, entwickelt sich ein rührend perverses Mutter-Tochter-Verhältnis mit Hayek und setzen die beiden Jungdealer mexikanische Todesmasken auf, um den explosiven Gegenschlag zu führen.

 

Die Finanzen der Drogenpolitik

Vollends als Stone-Film zeigt sich „Savages“ jedoch weniger wegen solcher lustvoll absolvierten Exkursionen als im Interesse daran, wie die finanzielle Seite der Drogenpolitik funktioniert: Nette Computer-Nerds sorgen für Geldwäsche, und ein Gutteil des Konflikts kreist um Prozentpunkte-Verhandlungsdetails angesichts des mexikanischen Übernahmeangebots.

Als alter Advokat der Marihuanalegalisierung sieht Stone den Unterschied zwischen kriminalisierter und offiziell abgesegneter Drogenherstellung als Heuchelei. Und Travolta kriegt dabei den hämischen Satz zur Zeit: „Willkommen in der Rezession, Jungs.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

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