„Der Butler“: Die Obama-Filmwelle rollt in Hollywood

Das überbordende Epos von Lee Daniels erzählt von einem Afroamerikaner, der unter acht Administrationen im Weißen Haus gedient hat – ein halbes Jahrhundert aus schwarzer Perspektive.

„Der Butler“
„Der Butler“
„Der Butler“ – Filmladen

Ob er politisch sei, wird der schwarze Butler Cecil Gaines gefragt, als er für den neuen Job vorspricht. Sein sanftes Verneinen weckt Wohlwollen: „Good. We have no tolerance for politics in the White House.“ Und wie viel Toleranz für Politik hat Hollywood? Die dominierenden Comic- und Action-Blockbuster sind bestenfalls lippenbekenntnishaft „politisch“ (und darin meist ziemlich wirr), doch erstaunt gerade die zweite Amtsperiode von Präsident Barack Obama mit einer Filmwelle, die sich ausgiebig mit dem für im US-Kino nach wie vor heiklen Thema der Sklaverei befasst.

Im Vorjahr erschienen Spielbergs „Lincoln“ und Tarantinos „Django Unchained“, heuer sind es zwei Produktionen, deren Regisseure selbst schwarz sind: „12 Years a Slave“ vom Briten Steve McQueen (Österreich-Start: Jänner) und das Zeitgeschichtepanorama „Der Butler“ von Lee Daniels. Wo die anderen Filme die Sklaverei bis zum US-Bürgerkrieg schildern, geht es Daniels um eine schwarze Geschichte des 20. Jahrhunderts – auch wenn er zu Anfang vielsagend die Plantagenzwangsarbeit des vorigen beschwört.

 

Ein afroamerikanischer Forrest Gump

Die Geschichte des Butlers Gaines entfaltet sich als Rückblende auf sein Leben: Seine Kindheit auf einer Baumwollfarm in den 1920ern endet mit der Vergewaltigung seiner Mutter durch den Besitzer. Als Gaines' Vater interveniert, wird er erschossen, und die Verwalterin (Vanessa Redgrave) übernimmt Gaines' Erziehung: Sie bildet ihn zum Hausdiener aus. Als Teenager lässt Gaines seine (verstummte) Mutter zurück und geht nach Washington, wo er als Hotelarbeiter für das Weiße Haus entdeckt wird und sich durch acht Administrationen hocharbeitet.

Die Figur hat ein reales Vorbild: Der Afroamerikaner Eugene Allen kam 1952 als „Vorratskammer-Mann“ ins Weiße Haus und brachte es in 34 Dienstjahren bis zum leitenden Butler. Drei Tage nach Obamas erstem Wahlsieg erzählte die „Washington Post“ Allens Geschichte. In Hollywood witterte man den Stoff für ein (Halb-)Jahrhundertepos alter Schule – und reicherte Allens Lebensgeschichte dramatisch an, mit kommerziellem Erfolg. So darf man sich den duldsamen, doch beharrlichen Titelhelden des Films auch als eine Art Forrest Gump der schwarzen Bürgerrechtsbewegung vorstellen.

Wo „Forrest Gump“ sein Defilee historischer Figuren durch Archivmaterial arrangiert hat, setzt „Der Butler“ auf eine prestigeträchtige, aber auch ablenkende präsidiale Starparade: Bald befragt Robin Williams als wächserner Eisenhower den zufällig herumstehenden Gaines zur eskalierenden Krise um die ersten schwarzen Schüler in einer US-High-School 1957. Spätere „Schlüsselszenen“ wirken ganz wie Stunts: John Cusack ist als (Noch-Vizepräsident) Nixon krass fehlbesetzt, hat aber einen faszinierenden Moment, als er dem schwarzen Küchenpersonal seine Kampagnenanstecker aufschwatzt. Liev Schreiber absolviert als LBJ ein hysterisches Meeting – auf dem Klo sitzend: ja, ja, der Pflaumensaft... Ironischerweise überzeugt gerade Jane Fonda als fast schon mütterliche Nancy Reagan (die Besetzung mit der politisch andersdenkenden Schauspielerin hat vorab für konservative Entrüstung gesorgt).

 

Rückgrat des Films: Forest Whitaker

Doch bei allen Übertreibungen, Sentimentalitäten und ob der historischen Breite auch unvermeidlichen Oberflächlichkeiten versucht sich „Der Butler“ an der in der Traumfabrik rar gewordenen Verschränkung von genuin populärem Entertainment und Ernsthaftigkeit, ohne nur in zuckrige Weichzeichnerei zu verfallen wie zuletzt der Bürgerrechtsbewegungsfrauenfilm „The Help“.

Als Rückgrat des episodischen Historien-Schnellvorlaufs dient Forest Whitaker, der Gaines mit stoischer Würde ausstattet: Seine Standhaftigkeit überdauert sogar die Make-up-Exzesse – man fragt sich doch mit fortschreitender Dauer, um wie viel älter man ihn noch wird schminken können. Doch hinter Whitakers introvertiertem Spiel steckt ein bewegendes Dilemma: Welchen Beitrag zur Veränderung leistet jemand wie Gaines, der professionell unsichtbar bleiben muss? Martin Luther King verteidigt diese Haltung später im Film als „subversive, not subservient“: Als pflichtbewusste und fleißige Afroamerikaner hätten Menschen wie Gaines dem rassistischen Klischee widersprochen und allein durch stete Präsenz Vorurteile ausgehöhlt.

Überhaupt bietet die aufgeheizte Stimmung der Sixties dramatisch starke Momenten für ein allegorisches Konzept. Regisseur Lee Daniels („Precious“) ist nicht für Subtilität bekannt: Hier setzt er auf ein Wechselspiel aus noblem Pathos und rabiaten Konfrontationen, sei es eine Ku-Klux-Klan-Attacke oder die griffige Parallelmontage eines zeremoniellen Diners im Weißen Haus mit dem ausfälligen Aufruhr, als Schwarze gegen die Segregation protestieren, indem sie sich an eine Woolworth-Theke setzen.

Die Zusammenführung von großer Geschichte und individuellem Schicksal gelingt auch am effektivsten im Streit von Gaines mit seinem rebellischen Sohn Louis (David Oyelowo), der sich den Black Panthers anschließt, nachdem sein patriotischer Bruder in Vietnam gefallen ist. Als Louis die Leinwandpersona des „braven“ schwarzen Superstars Sidney Poitier abkanzelt, ist es auch eine Beleidigung für das von seinem Vater verkörperte Rollenmodell: „I'm working for the white man to make things better for us.“

 

Wandel des schwarzen Selbstbildes

Andere Fusionen von Politischem und Privatem in diesem leidenschaftlich antirassistischen und überbordend unförmigen Film leiden dagegen unter Skizzenhaftigkeit: wie Oprah Winfrey als mit ein paar Charakterstrichen (unter)entwickelte Ehefrau von Gaines. Aber die sich bis in die Gegenwart entwickelnde schwierige Vater-Sohn-Beziehung erzählt viel vom Wandel eines schwarzen Selbstbildes. Selbstverständlich im Rahmen eines Films, der auch kein weißes Publikum verstören will und pragmatische Politik predigt – angesteuert wird ein Obama-Sieg, der vereinfachend dargestellt ist. Da bleibt der Film doch seinem simplen Helden treu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2013)

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