"Juno": Anstandslos aus der Abtreibungsklinik

Filmkritik. Das US-Kinoliebkind „Juno“ schildert mit Hang zum schrulligen Humor und etwas besseren Einzeilern die Schwangerschaft einer 16-Jährigen als amüsante, aber ziemlich dubiose Sitcom auf Spielfilmlänge. Ab Freitag.

(c) Centfox

Der erste Sex – bestenfalls aus Laune, sicher nicht aus Leidenschaft, wie eine Rückblende prompt erheiternd zeigt – hat schwerwiegende Folgen: Juno (Ellen Page) ist mit 16 schwanger. Wirklich? – fragt eine Freundin, das heißt eigentlich fragt sie: „Is this for real? Like for real for real?“, und demonstriert damit gleich die in zeitgeistiger US-Umgangssprache geschulte und gar zwanghafte Schlaumeierqualität der Comedy-Dialoge, für die Debütantin Diablo Cody eben den Drehbuch-Oscar bekam. Man darf beim Gedanken an die Unmöglichkeit der Übersetzung ein wenig vor der bloßen Idee der deutschen Synchronfassung schaudern: Was wird wohl aus „Your eggo is preggo“?

Dies sagt eingangs der Drugstore-Verkäufer, bei dem Juno soeben den dritten Schwangerschaftstest kauft, gespielt wird er von Sitcom-Star Rainn Wilson (aus der US-Version des feinen britischen „Stromberg“-Vorbilds „The Office“) – was irgendwie ehrlich darauf einstimmt, was der US-Komödienliebling Juno wirklich ist: eine auf Spielfilmlänge gestreckte Sitcom. Cody schreibt als Witzautorin immerhin bessere Einzeiler als die meisten, mehr als halbwegs funktional konstruierte Typen sind ihre Charaktere aber nicht: So ist Juno Inbegriff der exzentrischen Außenseiterfigur – eine coole Type mit (natürlich) weichem Kern, die ihr oft amüsantes, stets vorlautes Ignorieren aller Anstandsregeln nur dem geneigtesten Zuseher verbirgt. Es hilft etwas, dass die (20-jährige) Darstellerin Page ihre selbstbewussten Gags mit schlafwandlerischer Sicherheit setzt.


Salz der Erde versus böses Yuppie-Volk

Substanz wird man hinter Junos schlagkräftigen Pointen und Posen aber vergebens suchen. Selbiges gilt für ihre verständnisvollen Eltern (J.K. Simmons, auch guter Gag-Servierer, gibt den Dad mit dem bezeichnenden Schlaumeiernamen Mac MacGuff): Als Arbeiterklasseporträts wird bei ihnen Hollywoods häufiges White-Trash-Klischee halt einfach durch dasjenige von der Salz-der-Erde-Weisheit ersetzt. Für finstere Typisierung dient seelenloses Yuppie-Volk – gemäß Drehbuchdiktion die wahren Freaks, nicht Juno, die ihnen dennoch das Kind zur Adoption überlässt, nachdem sie anstandslos aus der Abtreibungsklinik, einer regelrechten Unterschichtshölle, floh. (Nicht nur ideologisch ist Juno ziemlich konfus, da Regisseur Jason Reitman, wie zuletzt in Thank You For Smoking, alle Zielgruppen bedienen will.)

So gibt Jennifer Garner (nicht übel, nur substanzlos) ein unerfülltes Karriereweib, gezeichnet vom unfruchtbaren Leib; und Jason Bateman deren (ausverkaufsbelegend) Werbemusik komponierenden Gatten. Juno erinnert ihn an seine Jugend, den Traum von der Band usw. Über Tausch cooler Musik und Horrorfilm-Insiderwissen kommt man sich näher, ganz wörtlich: Da kommt auch eine pädophile Ader zum Vorschein.

Das ist extremster Ausdruck der Abgründe, die Reitman und Cody gedankenlos überspielen, indem sie auf nostalgische, für die Massen aufpolierte Anhäufung der typischen Tics des sogenannten „Independent-Kinos“ setzen: Es wuchern die schrulligen Figuren, niedlichen Bildwitzchen und farbenfroh überladenen Guckkasteninterieurs, und wenn die Melancholie zwischen schlagfertigen Sagern überhandzunehmen droht, wird einfach angesagte Musik auf den Soundtrack geschmiert. Wegen seiner nebenbei besetzten Positionen – Antiabtreibung und Antischeidung – ist Juno als Weiterführung der neokonservativen Familienwertepolitik des letztjährigen Lustspielerfolgs Beim ersten Mal attackiert worden, aber das oberflächliche Gewitzel lohnt dies kaum. Seine Sitcom-Logik könnte ein echtes Konzept weiblicher Wahlfreiheit gar nicht verarbeiten, es ist nur Aufhänger für ein Amüsement, das endgültig demonstriert, wie die Nischenmarkt-Markenzeichen des angeblich unabhängigen „Independent-Films“ seit den 90ern zum Mainstream-Businessmodell ausgebaut wurden.

Die Welt von diesem Film ist eben nicht for real, und seine Problemstellungen (und -lösungen) sind es auch nicht. Das macht ein wirklich berührender Moment klar, als Juno auf den Vater ihres Kinds einplappert, den Michael Cera (aus Superbad, dem guten Pendant zu Beim ersten Mal) auf seine unnachahmlich zögerliche Art spielt: Sie liebe es, wie cool er sei, ganz ohne sich anzustrengen. Worauf er mit hinreißend verschämter Miene gesteht: „I try really hard, actually...“ Der Film um ihn strengt sich auch ständig an, furchtbar originell zu wirken – aber im Gegensatz zu Ceras Charme ist der von Juno nur synthetisch.

VOM STRIPKLUBZUM OSCAR

Drehbuchautorin Diably Cody (*1978 in Illinois als Brook Busey) wurde aus einer Laune heraus Stripperin, verfasste dazu im Internet den ironischen Blog „Pussy Ranch“. Mit 24 schrieb sie ihre Memoiren, danach das oscarprämierte Drehbuch zu „Juno“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2008)

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