Film: Das kann nur im Kollaps enden

Trend zum Modell: „Zeit der Kannibalen“ und „Fräulein Else“ versuchen, den Kapitalismus in eine filmische Form zu bringen, „Kreuzweg“ tut es mit Fundamentalismus. Die Resultate sind gemischt.

Zeit der Kannibalen
Zeit der Kannibalen
Zeit der Kannibalen – (C) Polyfilm

Der Mann im gelben Trikot sitzt auf dem Fahrrad und blickt entschlossen auf die Straße vor sich – nur ist es bloß das Bild einer Straße, auf dem Laptop, neben dem Heimtrainer. Der Mann heißt Kai Niederländer und ist Teil eines eingespielten Unternehmensberaterduos, das seit sechs Jahren durch die Dritte Welt reist. Gemeinsam mit dem ein gutes Stück zynischeren Kollegen Frank Öllers erlebt Niederländer die Welt nur mehr als Abfolge anonymer Hotelzimmer und Konferenzräume, in denen sie ziemlich wortwörtlich die Zivilisierung dieser barbarischen Länder – deren dreckige Wirklichkeit sie nie sehen – durch den globalisierten Kapitalismus predigen. Den Kunden raten sie, die Konkurrenz auszubooten: gnadenlos einsparen und die Produktion an noch billigere Standorte verlegen.

Die Stoßrichtung seiner Filmsatire „Zeit der Kannibalen“ hat der deutsche Regisseur Johannes Naber so zusammengefasst: „Der Zustand des entfesselten Kapitalismus wurde in den letzten Jahren hinlänglich beschrieben, der Wille zur Regulierung ist gesellschaftlicher Konsens. Und doch herrscht Starre. Die Politik kann sich trotz besseren Wissens aus der Umklammerung der Wirtschaft nicht mehr befreien. Diesem absurden Zustand kann man nur mit einem absurden Film begegnen.“ Seine Farce ist eine Westentaschenversion von Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“: Ein Kapitalismuskammerspiel, mit Genuss an unkorrekten Sagern und rassistischer Arroganz interpretiert von Devid Striesow und Sebastian Blomberg.

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Künstliche Pappkulissen

Ein Laborversuch in fast identischen Studioräumen: In einem guten Detail ärgert sich Niederländer darüber, dass die Lichtschalter der Zimmer nie an derselben Stelle sind. Hinter den nicht zu öffnenden Fenstern sieht man nur künstliche Pappkulissen. Der Zufluchtsraum wird aber zum Gefängnis. Interner Druck kommt mit einer jungen Kollegin (Katharina Schütter), die Idealismus behauptet, aber etwas im Schilde führt: Die Firma soll in Kürze verkauft werden. Testet sie die Kollegen? Zu den ungewohnten Zukunftssorgen kommt die Angst vor der Außenwelt: Ein Bürgerkrieg steht buchstäblich vor der Tür.

Die Auflösung erfolgt zwingend und vorhersehbar: einer der Nachteile des Modells von Naber und Autor Stefan Weigl – dessen Erfahrung mit originellen Hörspielen hier stark spürbar ist. Ohne ihre Figuren einfach nur zu dämonisieren, machen sie mit perfiden Pointen im Dialog aus ihnen groteske Vertreter einer Gegenwart, in der empörende Zustände herrschen – nur dass Empörung als Reaktion auch nichts bringt. Daher das Schwanken zwischen Horrorpanik und Humor-Identifikationsangebot. Verlogene Läuterung wie in „Up in the Air“ bleibt aber aus: Dieses Kinomodell zum Kapitalismus bietet eine böse Diagnose, aber keine Therapie.

Ähnliches gilt für „Fräulein Else“, das Spielfilmdebüt der Österreicherin Anna Martinetz. Sie verlegt Arthur Schnitzlers gleichnamige Novelle in eine Gegenwart „nach der Weltwirtschaftskrise“ – und den Schauplatz vom italienischen Kurort in ein indisches Luxushotel. Im Gegensatz zu „Zeit der Kannibalen“ also ein irres Globalisierungssetting zwischen Dekadenz und Exotiktraum; auch die Außenwelt wird gezeigt, von Straßenslums zu Himalaja-Naturpracht, sogar mit herumschleichendem Tiger. Schnitzlers Monologform übersetzt sich in Wiederholungen von Dialogen in diversen Kontexten. Sonst arbeitet sich das Modell von Martinetz an Gegensätzen ab, auch der Generationen: Else (Korina Krauss) soll sich in einer Geldheirat opfern, um den elterlichen Börsenbankrott abzuwenden. Wieder kann alles nur im Kollaps enden: dem der Wirtschaft, der Figuren.

Das deutschsprachige Kino sucht also eine Form für das System Kapitalismus, wenn auch nicht unbedingt für fundierte Systemkritik. Am anderen Ende des Spektrums rückt der Berlinale-Drehbuchpreisträger „Kreuzweg“ des deutschen Regisseurs Dietrich Brüggemann religiösem Fundamentalismus mit einer tautologischen Modellbausatzmethode zu Leibe: 14 fast ausnahmslos statische Tableaus vom Opfergang eines Mädchens als plumpe Parallele zu den traditionellen Stationen des Kreuzwegs.

 

Stationen eines Kreuzwegs

Diese 14-jährige Maria wird schon – wie vieles hier – durch ihren Namen ins konzeptuelle Zwangskorsett der Parallelführung gesteckt, aber Darstellerin Lea van Acken müht sich redlich, ihrer Figur Leben einzuhauchen, die sich Gott hinzugeben gedenkt, auf dass ihr kleiner Bruder von seiner Stummheit genese. Marias Familie gehört zur fiktiven Paulusbruderschaft (gemeint ist eindeutig die ultrakonservative Piusbruderschaft), deren Fanatismus fatale Ideen in den Geist des Mädchens pflanzt. Das ist etwa ein Bild lang interessant: Zuerst indoktriniert ein Pater (Florian Stetter) seine jungen Schäfchen, sanft schmeichelnd. Popmusik ist Teufelswerk, Satan persönlich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Herzen der katholischen Kirche. Im selben Ton geht es weiter, nur zunehmend karikaturistisch, etwa in der Gestalt von Marias Monstermama (outriert von der Österreicherin Franziska Weisz).

So wird die Dämonisierung von Rockmusik nicht nur ad infinitum, sondern ad absurdum gepredigt, bis sie nur mehr als Pointe taugt. Keine besonders gute übrigens. Auch Brüggemanns Film ist im deutschen Kino nicht allein – 2013 versuchte Philip Groenings Venedig-Preisträger „Die Frau des Polizisten“ eine ähnliche Verschränkung von spiritueller Parabel und reduzierter Form mit ebenso wirklichkeitsfernem Ergebnis. Die Vagheit der Umstände bei Brüggemann wirkt eher wie ein verzweifelter Versuch, andere Interpretationen einzuladen, zumal im Kern des Films nicht viel steckt. Gerade aus österreichischer Sicht kann man das gelassen abkanzeln: Missverstandener Seidl im Sujet plus missverstandener Haneke in der Form plus die Seifenopernhysterie von Jessica Hausners „Lourdes“ ist eine Gleichung, die beim besten Willen nicht aufgeht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2014)

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