Mit „Life of Riley“: Komödie zur Krebsdiagnose

Kritik. Der letzte Film von Alain Resnais. Mit „Life of Riley“ hat der Anfang März gestorbene Altmeister einmal noch ein pfiffiges Lustspiel inszeniert.

Erschrocken über die Vergänglichkeit: Hippolyte Girardot als Arzt mit Sabine Azéma als seine Frau.
Erschrocken über die Vergänglichkeit: Hippolyte Girardot als Arzt mit Sabine Azéma als seine Frau.
Erschrocken über die Vergänglichkeit: Hippolyte Girardot als Arzt mit Sabine Azéma als seine Frau. – (c) Stadtkino

Stimmt schon: Nach der ersten Viertelstunde mit „Life of Riley“ (im Original: „Aimer, boire et chanter“) zweifelt man noch, ob die Leichtigkeit des Stoffs in Kombination mit den minimalistischen Bühnenkulissen knappe zwei Stunden lang halten kann, was man sich von diesem Regisseur verspricht. Aber natürlich behält Alain Resnais wieder einmal recht: Die hypertheatralische Ästhetik und der sanfte dramaturgische Fluss arbeiten nicht gegen, sondern für seinen letzten Film, in dem es vor allem um das geht, was nicht zu sehen ist.

Wie reich oder leer dieses „Life of Riley“ – nach „Smoking/No Smoking“ (1993) und „Coeurs“ (2006) bereits Resnais' dritte Adaption eines Alan-Ayckbourn-Stücks – wirkt, das liegt dann auch vorwiegend am Zuschauer selbst sowie an der Macht seiner Vorstellungskraft. Der titelgebende Lehrer Charles Riley ist nämlich nie zu sehen, aber doch zentrale Figur des Films: Als vier seiner besten Freunde erfahren, dass der lebenslustige Mann an Krebs erkrankt ist und höchstens noch sechs Monate zu leben hat, beschließen sie, ihn in die aktuelle Inszenierung ihrer Laientheatertruppe einzubauen.
Aber auch sonst tanzen alle Obsessionen, Leidenschaften und Sehnsüchte dieser gut abgehangenen Bourgeoisen um den, jedenfalls für das Publikum, Unsichtbaren: Arzt Colin (Hippolyte Girardot) jagt die Vergänglichkeit seines Freundes – und damit auch seine eigene – ordentlich Angst ein. Noch manischer als sonst versucht er die Zeit im Blick zu halten, ganz so, als würde sie dann langsamer verstreichen. Seine Frau Kathryn (Sabine Azéma) findet daher, ihr Mann habe vielleicht keinen Stock, aber dafür „eine Uhr im Arsch“; frustriert beginnt sie, Rileys Haus zu putzen und seinen Garten zu pflegen – immerhin wurde der arme Todgeweihte erst kürzlich von seiner Frau verlassen.

Es dauert nicht lang, bis Kathryn Konkurrenz bekommt. Denn auch ihre Freundin Tamara buhlt um Rileys Aufmerksamkeit. Und während die Jahreszeiten vergehen und die Kulissen in verschiedene Lichtfarben getaucht werden, zeigt der verspielte Regisseur immer wieder eine Maulwurfs-Handpuppe, die schelmisch aus dem ultragrünen Kunstrasen lugt: ganz so, als würde sie sich über diesen Menschen-Reigen amüsieren.

Genial rhythmisierte Dialoge

Alain Resnais war Surrealist von Kopf bis Fuß, vom ersten bis zum letzten Film: Der ernste, politische Ton seiner frühen Arbeiten ist im Spätwerk allerdings einer umfassenden, sehr weisen Heiterkeit gewichen. Ayckbourns Stücke haben ihn wohl beeindruckt, da sie nicht nur genial rhythmisierte Dialoge liefern, sondern häufig auch formalistische Verfremdungseffekte wie eben die Auslassung oder Aussparung von zentralen Figuren oder Ereignissen einsetzen. All das kommt dann für gewöhnlich noch im Gewand einer leichtfüßigen Komödie daher: Jahrzehntelang verweigerten Kritiker überhaupt eine eingehende Beschäftigung mit Ayckbournes Stücken, da sie ihnen als zu seicht galten. Auch wenn Resnais zeitlebens als Proponent der Nouvelle Vague betrachtet worden ist, hat er mehr als alle anderen modernistischen Regie-Franzosen – mit Ausnahme von Luc Moullet vielleicht – aus seiner Liebe zur Popkultur nie einen Hehl gemacht; immerhin hatte er auch die größte Comic-Privatsammlung Frankreichs. Seinem Kino liegt ein ganzheitliches Kunstverständnis zugrunde. Es interessiert sich nicht für formästhetischen Purismus, will nicht alles dem Film unterordnen, sondern lebt für die Reibeflächen an den Begegnungszonen zwischen Film und Theater, Comics und Musik.

Die Kompositionen für „Life of Riley“ von Mark Snow, bekannt für seine sinistre Musik für TV-Serien wie „Akte X“ und „Millennium“, sind kein Schmiermittel, sie setzen lieber – teils auch irritierende – Kontrapunkte in der Erzählung. Die Schauplätze werden wiederum mit Bildern vom französischen Künstler Blutch eingeführt, bevor auf die abstrakten Theater-Kulissen überblendet wird. Chaos entsteht durch die ästhetische Vielfalt keines, denn Resnais war ein begnadeter Dirigent seiner filmischen Erzählmittel. Auch „Life of Riley“ ist rigoros durchgetaktet, bis dann dichter Nebel das Ende von Rileys Leben verkündet. Zu flotter Musik verabschieden sich die Figuren von ihm und eine junge Frau legt ein Foto von einem geflügelten Totenkopf auf seinen Sarg.

Rückblickend wirkt diese Einstellung fast schon vorausahnend: Nur wenige Wochen nach der Weltpremiere des Films auf der Berlinale, wo „Life of Riley“ mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, ist Alain Resnais 91-jährig gestorben. Irgendwann geht also selbst das schönste Spiel zu Ende. Und dann fällt kein Licht mehr auf die Kulissen des Lebens. Nur zu ernst nehmen sollte man all das nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2014)

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