Film "Gomorrha": „In Neapel herrscht Krieg“

Matteo Garrone über seine Verfilmung von Roberto Savianos Buch über das organisierte Verbrechen: Wie man die Camorra erzählt und kafkaeske Bilder baut.

(c) polyfilm

Die Presse: Ihr Film „Gomorrha“ basiert auf Roberto Savianos gleichnamigem Bestseller und zeigt Neapel im Würgegriff der Camorra. Gewalt, Korruption und Machtmissbrauch. Dabei fällt es schwer, das nicht auch als Allegorie aufs heutige Italien insgesamt zu sehen.

Matteo Garrone: Ich sehe meinen Film nicht nur als Metapher auf Italien, sondern für jeden „Süden“ dieser Welt, für den Zustand in allen Ländern. Wir versuchten, Themen herauszuarbeiten, die überall gültig sind. Probleme mit Gewalt oder Drogen gibt es doch sicher auch in Österreich. Überraschend für mich persönlich war die Entdeckung, dass 100 Kilometer von meinem Heimatort Rom Krieg herrscht. Um Neapel geht es wirklich zu wie in einem Land, das sich im Krieg befindet. Alle drei Tage stirbt jemand.

 

Saviano lebt seit der Veröffentlichung seines Tatsachenromans unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen, wegen der Todesdrohungen aus der Camorra. Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen Ähnliches passieren könnte?

Garrone: Anfangs plagten mich schon gewissen Sorgen. Die ersten Morddrohungen gegen Saviano kamen, als wir die Drehbucharbeit mit ihm begannen: Wir hatten uns die Filmrechte gleich nach der Veröffentlichung gesichert, noch bevor sein Buch so ein Riesenerfolg wurde. Aber spätestens bei den Dreharbeiten verflog alle Angst, im Gegenteil: Die Leute waren so offen und bereit zur Zusammenarbeit, dass sich uns neue Perspektiven eröffneten. Sie informierten uns über Dinge, die wir nicht ahnen konnten, als wir den Stoff zu Papier brachten. Der Film hat auch ganz andere Voraussetzungen als das Buch: Saviano ging es auch einfach darum, anzuprangern und Namen zu nennen. Wir aber wollten die Camorra erzählen – von unten nach oben und von innen heraus.

 

Ihr Film kondensiert die Buchvorlage auf fünf Episoden. Manche sind typisch: etwa die zwei Buben, die sich nicht ins System eingliedern lassen. Anderes hat man in einem Mafiafilm wohl noch nie gesehen, wie die Geschichte vom Schneider, der seine Haute-Couture-Entwürfe an Chinesen verkauft, die sie dann im Sweatshop in Massen reproduzieren. Aber insgesamt herrscht erstaunliche motivische und thematische Stimmigkeit. Wie haben Sie das aus Savianos Moloch von einem Buch geholt?

Garrone: In der Vorlage stecken eigentlich 100 Filme und 1000 Geschichten. Eine Richtlinie war, dass wir auf jeden Fall Charaktere schaffen wollten, die so noch nie im Kino gezeigt worden sind. Andererseits ging es darum, Metaphern zu finden, die das Universale der Thematik unterstreichen.

 

Sie filmen Neapels Umgebung, als wäre sie eine Mondlandschaft. Man könnte Ihre prinzipielle Ästhetik als „selbstverständlichen Surrealismus“ bezeichnen: Sie arbeiten eindeutig mit vorgefundener Wirklichkeit, aber sie wird von Ihnen teils bis zur Absurdität pointiert.

Garrone: „Gomorrha“ ist insofern anders als meine früheren Filme, als es eine Buchvorlage gab. Aber zugegebenermaßen verfolge ich noch immer den gleichen filmischen Ansatz: Ich betone das Figurative der Bilder, egal, ob ich nun Landschaften filme – oder Gesichter. Eigentlich mache ich funktionale Bilder: Sie sind so konstruiert, dass sie das Empfinden der Charaktere widerspiegeln.

 

Die wüsten Szenerien in der Episode um die beiden jungen Tunichtgute ähneln doch stark Ihrem früheren Film „L'Imbalsamtore“.

Garrone: Das stimmt. Die zwei sind Anarchisten und Träumer, wie eine moderne Version von Don Quichotte und Sancho Pansa, so sieht ihre Welt auch aus: Es gibt viele Totalen, um ein Gefühl von Freiheit zu erzeugen.

 

Die absurde Dialogszene an der gottverlassenen Tankstelle dagegen, das ist wie Beckett...

Garrone: In dieser Tankstellenszene taucht eine der Personen aus dem Boden auf – aus jener Erde, die von ihnen später wieder mit Giftmüll infiziert wird. In diesem Kreislauf sollen die Figuren ein wenig an Insekten erinnern. Für mich ist das also eigentlich nicht Beckett, sondern ein kafkaeskes Bild.

 

Sie können natürlich keine Lösungen für das Camorra-Problem anbieten, aber bemerkenswerterweise lassen Sie den Film auch nicht einfach in völliger Hoffnungslosigkeit enden.

Garrone: Es ist natürlich schwierig in einer solchen Situation Hoffnung zu bewahren. Der Lauf der ganzen Welt scheint momentan so, dass es wenig Anlass gibt, optimistisch zu sein! Aber es geht doch darum, eine Beziehung zu diesen Menschen und der Welt herzustellen: Und so hängt es letztlich immer an den Individuen, wenn es in meinem Film einen Hoffnungsschimmer gibt.

ZUR PERSON

Matteo Garrone (*1968, Rom) war Maler und Tennisspieler, bevor er Filmemacher wurde. 1996 debütierte er mit dem preisgekrönten Episodenfilm „Terra di Mezzo“, es folgten u.a. „L'imbalsamatore“ (2002) und „Primo Amore“ (2004). Für „Gomorra“ bekam Garrone heuer den Grand Prix in Cannes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2008)

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