Filmkritik: Solange es Müllroboter gibt

Bezaubernde Apokalypse: „Wall-E“ aus dem Hause Pixar läuft ab Freitag in den heimischen Kinos. Die Abenteuer im All sind rührend, spannend und witzig.

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(c) Disney / Pixar Studios

Zwei Dinge sind ausgesprochen wundersam an WALL-E, dem besten Film aus den Pixar-Animationsstudios seit Toy Story 2. Zum einen die erste halbe Stunde, in der ganz ohne Dialog in die Zukunftswelt dieses humanistischen Roboterfilms eingetaucht wird: Da wird eine Reinheit des Erzählens, ein Einfallsreichtum der Komik wieder entdeckt, die jene Magie wachruft, zu der die großen Genies des Stummfilms so zwanglosen Zugang zu haben schienen. Etwa Charlie Chaplin, dessen zivilisationskritische Satire Modern Timesdeutlich ein Bezugspunkt für Andrew Stantons bemerkenswerten Animationsfilm ist.

Wie Chaplin lassen sich Stanton und seine Animatoren die Hoffnung nicht austreiben, auch wenn sie sich den Lauf der Dinge nicht eben schönreden. Titelheld WALL-E ist ein rührend klobiger Roboter mit ausdrucksstarken Augen und mit einer Aufgabe: Müll beseitigen (sein Name ist ein entsprechendes Akronym: Waste Allocation Load Lifter, Earth-Class). Die Erde ist längst ein Wüstenplanet mit riesigen Müllbergen. Doch die Katastrophe wird vom Witz und der Poesie der Geschichte überflügelt.

Das ist die zweite Überraschung an WALL-E: Sein grenzenloser Optimismus unterscheidet diesen Film von den üblichen Traumfabrik-Kreationen. Er bemüht weder die Seifenblasen-Rhetorik des heiteren Fachs, verzichtet als apokalyptische Fantasie dennoch auf modische Finsternis. Kein Wunder, dass J.Hoberman, renommierter Filmkritker der „Village Voice“, in einem aktuellen Essay über die soziopolitischen Entwürfe in Hollywoods Erfolgsfilmen am Vorabend der US-Wahl WALL-E als griffigen Gegenpol zur pompösen Düsternis des Batman-Abenteuers The Dark Knight begriff.

 

Eine Ode an Staub und Dreck

Es gibt sogar eine kleine politische Anspielung: Bushs Phrase „stay the course“ in den (Echtfilm-)Videobotschaften des Direktors der Firma, die den irdischen Ruin vollendete. Ihr Name: BnL, ein Akronym für „Buy and Large“. Doch nicht nur die Öko-Botschaft und Turbokapitalismus-Kritik des Films sind unübersehbar. Wo computeranimiertes Kino sonst mit glänzenden Oberflächen und blitzblanken Bildern beeindrucken will, ist WALL-E eine einzige Ode an Staub und Dreck. Unzählige Zersetzungsformen zieren die Einöde, die der bis auf einen Kakerlakenfreund vereinsamte Müllroboter täglich durchquert. Über allem liegt Smog: fast wie Unterwasserwelten à la Finding Nemo – nur diesmal: eine Welt unter Staub.

Der Titelheld macht im Müllreich eigensinnige Entdeckungen: Er findet einen Diamantring im Behälter, wirft das Schmuckstück achtlos weg, hebt das Etui auf. Für seine Sammlung so geheimnisvoller wie banaler Artefakten einer versunkenen Zivilisation: etwa ein Rubik-Würfel oder ein altes Videoband vom Musical Hello, Dolly!, das dem Roboter eine Ahnung davon zu geben scheint, was das sein könnte: Glück.

Als ein anderes mechanisches Wesen vom Himmel kommt, ahnt WALL-E sogar, was Liebe sein könnte: Die Angebetete heißt EVE (Extraterrestrial Vegetation Evaluator). Mangels Vegetation schaltet sie sich aus, herzzerreißend die Annäherungsversuche von WALL-E an die Regungslose. Dank eines Pflänzchens im Müllberg wird EVE wieder aktiv, der verliebte Roboter folgt ihr ins Weltall – wo der Film etwas Zauberkraft verliert, weil er deutlich konventioneller wird.

Denn die Abenteuer im All sind rührend, spannend und witzig, doch das Terrain ist bekannt: Verfolgungsjagden wie im schwächeren Pixar-Film Monsters, Inc. etwa. Doch WALL-E bewahrt emotionale Wucht dank innerer Geschlossenheit. Die reicht bis ins Bild einer Menschheit, die im automatisierten Fluchtraumschiff zwischen Fütterung und Transport alle Initiative eingebüßt, die Form verloren hat: wie defekte Versionen des Sternenkinds aus Kubricks Klassiker 2001. (Widersacher von WALL-E: ein Computer mit bösem roten Auge, wie Kubricks HAL.)

Dass das verzogene Volk (wörtlich) wieder auf die Beine kommt, ist nicht ein Drehbuch-Kunstgriff, sondern folgt utopischer Logik: Damit etwas reaktiviert werden kann, muss wenigstens eine Probe erhalten sein, muss sich jemand trotz aller Widrigkeiten darum kümmern. Diese Zuneigung, davon träumt Stantons Film, ist bei aller Unzulänglichkeit und Gefühlskälte der Menschheit nicht verloren, wenn ein ihr ein Wächter erhalten bleibt – wie WALL-E. Es darf gehofft werden: Solange es Müllroboter gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2008)

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