Neu im Kino: Benjamin Botox

„Benjamin Button“ demonstriert Hollywoods Stärken und Schwächen: Die Maske ist wichtiger als der Ausdruck, dick aufgetragenes Sentiment siegt über Ironie.

(c) EPA (Paramount Pictures)

Die Verfilmung von „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ sei die Adaptierung einer Kurzgeschichte von Scott F. Fitzgerald, behaupten ihre Macher in Hollywood. Sie führen in die Irre. Mit der Fingerübung des vielversprechenden Alkoholikers und Autors, die 1922 veröffentlicht wurde, hat dieses Drehbuch (Eric Roth) bis auf die Grundidee nichts gemein: Der Titelheld kommt als Greis auf die Welt, um sie 80 Jahre später mit seiner Geburt ebenso mysteriös zu verlassen. Dazwischen rasen die Mitmenschen an ihm im Gegenverkehr mit überhöhtem Tempo vorbei. In beide Richtungen strebt man auf das Ende zu. Keinen wundern die seltsamen Begegnungen mit Button. Sie sind alltäglich.

Den reizvollen Retro-Gag hat Fitzgerald voller Sarkasmus auf zwei Dutzend gar nicht so besonders gelungenen, das Alter verhöhnenden Seiten ausgewalzt. Borges hätte für diese Story wohl nur zwei Seiten gebraucht, Bob Dylan fasst das Phänomen des Lebens im Krebsgang im Song „My Back Pages“ so zusammen: „Ah, but I was so much older then,/I'm younger than that now.“

 

Überwältigend: Tilda Swinton

Für das absurde Bemühen des Retro-Freaks um haltbare Beziehungen benötigt Regisseur David Fincher hingegen in seinem Film inklusive zweier entbehrlicher Rahmenhandlungen nahezu drei Stunden bis zum traurigen Abschied. Das Geschehen wird von Baltimore (ab dem Jahre 1860) auf New Orleans (ab dem Ende des Ersten Weltkrieges bis ins Heute) verlegt. Der beißende Witz Fitzgeralds wird ersetzt durch triefendes Sentiment. Es steht zu befürchten, dass diese Schwarte tatsächlich alle 13 Oscars gewinnt, für die sie nominiert wurde. So viel Südstaatenkitsch gab es seit „Vom Winde verweht“ im Jahre 1937 nicht mehr. Nur fehlt bei „Benjamin Button“ der Esprit von Rhett und Scarlett. Er ist vielmehr eine feierliche Einübung ins Vergreisen. Die Handlung schleppt sich beschwerlich auf Krücken dahin wie der Titelheld zu Beginn seines rückwärts gewandten Lebensweges.

Dramaturgisch ist die Arbeit misslungen. Trotzdem muss man diesen Film mit seinen überwältigenden Bildern, mit seinem surrealen Setting wohl gesehen haben – auch wegen charmanter kleiner Ideen (ein Mann wird siebenmal vom Blitz getroffen und überlebt, ein Prediger bringt Button mit heilkräftigen Gebeten zum Gehen und fällt dabei tot um), allein aber schon wegen des herben Charmes von Tilda Swinton in einer überwältigenden Nebenrolle als emanzipierte britische Geliebte in der eiskalten russischen Hafenstadt Murmansk.

Mindestens so modern spielt Taraji P. Henson die schwarze Ziehmutter des von seinem Vater (Jason Flemyng) weggelegten Button, als wäre der tiefe Süden 1920 von engagierten Mamas geführt worden. Diese warmherzige Queenie ist Wirtschafterin im Altersheim Nolan House, das von Charakterköpfen wimmelt, durch die der Protagonist an Profil gewinnt. Er selbst bleibt seltsam unbestimmt. Brad Pitt spielt Benjamin in allen Altersstufen. Das ist vor allem eine Herausforderung an die Maske und die Computerspezialeffekte.

Pitt als Greis dürfte vielleicht sogar noch weniger kompliziert herauszuspachteln gewesen sein als in der Verkörperung eines Zwanzigjährigen. Wo sind all die sexy Fältchen im Gesicht geblieben? „Benjamin Botox“ ist ein todsicherer Tipp für den Oscar. Allerdings sollte man nicht nur den Visagisten auszeichnen, sondern auch den Hauptdarsteller, mit einem Sonderpreis für die traurigsten Augen seit Anton Tschechow. Die sind neben der Zurückhaltung im Ausdruck das Auffälligste an seinem Spiel. Sie sorgen für einen Überfluss Melancholie. Um diesen Buben muss man einfach weinen.

 

Der blinde Uhrmacher

Ganz anders ist Cate Blanchetts Rolle angelegt. Sie spielt die Daisy nicht als Kind bei ersten Begegnungen mit dem alten Benjamin, sondern erst als gelenkige Geliebte für die paar kurzen Sommer der Begegnung, als beide in der Mitte des Lebens stehen. Ein Wendepunkt: „Du hast dich verändert“, sagt sie. „Nur äußerlich“, sagt er. Blanchett, eine elegante Tänzerin, selbstständig und bezaubernd, wird auch zur steinalten Frau geschminkt, die sich in einer Rahmenhandlung von der gemeinsamen Tochter (Julia Ormond) die Aufzeichnungen des Vaters vorlesen lässt. Bei diesen Sterbeszenen pfeift draußen vor dem Krankenhaus in New Orleans bereits der Hurrikan Katrina. Das wirkt grässlich aufgesetzt, so wie die zweite Rahmenhandlung: Ein blinder Uhrmacher (was für eine Metapher für gottlose Mechanik!) konstruiert eine riesige, komplizierte Bahnhofsuhr, die rückwärts läuft, weil er möchte, dass sein im Ersten Weltkrieg gefallener Bub eine zweite Chance erhält.

 

In einem Freudenhaus tief im Süden

Gelungener sind die Episoden des Hauptstranges, in denen der sich verjüngende Button, der als alter Mann noch unerfahren war, reift. Neben Swinton hilft bei der Initiation auch Kapitän Mike (Jared Harris), ein ganzkörpertätowierter großer Bruder, bei dem er angeheuert hat. Mike führt den jungfräulichen Alten in ein prächtig verludertes Bordell in den Südstaaten, wo einträchtig über alle Rassen- und Standesgrenzen hinweg kopuliert wird, und dann auch noch, um ein bisschen Weltgeist wehen zu lassen, in den Zweiten Weltkrieg. Dann wird sein Schiff, die Chelsea, von einem Torpedo getroffen, fast alle bis auf Button sterben. Er ist zu diesem Zeitpunkt wohl noch zu alt dazu, um schon zu sagen: Es war einmal. Ein Märchen für alte Leute ist dieser Film, ein Rührstück, das ganz sanft die großen Fragen streift: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Aus einem Film. Filmfiguren. Nach Hollywood natürlich.

Zur Person

David Fincher (*1963): Spielfilmdebüt mit „Alien 3“ (1992); Vorliebe für Thriller, Serienmörder: „Sieben“ (1995), „The Game“ (1997), „Fight Club“ (1999), „Panic Room“ (2002), „Mission Impossible 3“ (2006), „Zodiac“ (2007).

13Oscar-Nominierungen hat sein neuester Film „Benjamin Button“. [AP/J. Christensen]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)

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