"Learning to Drive": Weisheit, natürlich aus Indien

Wer im New Yorker Straßenverkehr besteht, der schafft auch die Midlife-Crisis: „Learning to Drive“, ein Therapiefilm zum Wohlfühlen. Nur etwas gar zu bunt.

Würdevoll: Ben Kingsley als Sikh – neben Patricia Clarkson als Stadtneurotikerin.
Würdevoll: Ben Kingsley als Sikh – neben Patricia Clarkson als Stadtneurotikerin.
Würdevoll: Ben Kingsley als Sikh – neben Patricia Clarkson als Stadtneurotikerin. – Thimfilm

Wendy ist neben der Spur: Ihr Mann hat sich nach 21 Ehejahren eine Jüngere gesucht und die Scheidung eingereicht, ein schwerer Schlag für die Literaturkritikerin reiferen Alters. Der indische Sikh Darwan hingegen hat Bodenhaftung, obwohl es ihm New York nicht leicht macht, ein Auskommen zu finden. Tagsüber gibt er Fahrstunden, nachts sitzt er am Steuer eines Taxis, seine Religion gibt ihm den nötigen Halt. Die Wege der beiden kreuzen sich zufällig, als es in Darwans Taxi zum entscheidenden Ehekrach zwischen Wendy und ihrem treulosen Gatten kommt. Am nächsten Morgen steht Darwan vor Wendys Tür, um ihr in seinem Fahrzeug vergessene Papiere zu retournieren, und sie ist derart von seiner unverhofften Freundlichkeit eingenommen, dass sie ihn kurzerhand als Fahrlehrer engagiert – denn wer im New Yorker Straßenverkehr bestehen kann, für den ist auch die Midlife-Crisis kein Problem.

Von da an verläuft „Learning to Drive – Fahrstunden fürs Leben“ in lockerem Tempo nach gängigem Therapiefilmschema. Wendy – verkörpert von Patricia Clarkson – muss lernen, sich im Auto wie im Leben aufs Wesentliche zu konzentrieren, das große Ganze zu sehen und ihre Ängste zu überwinden. Darwan erweist sich als idealer Tutor für die nervlich zerrüttete Intellektuelle, der sich weder von ihrer anfänglichen Inkompetenz noch von alltäglichen Anfeindungen durch Gelegenheitsrassisten aus dem Konzept bringen lässt. Der als Krishna Pandit Bhanji geborene Kingsley gibt hier nach seiner großen Oscar-Rolle im Gandhi-Biopic zum zweiten Mal eine indische Figur, er spielt den bärtigen Sikh würdevoll und mit unaufdringlichem Akzent.

 

Verklärender Orientalismus

Der Seelenbalsam für die westliche Mitt- oder Spätlebenskrise kommt im zeitgenössischen Arthaus-Kino bevorzugt aus Indien. Erst ließ sich Julia Roberts in „Eat Pray Love“ von dubiosen Gurus mit vagen Weissagungen die Sorgenfalten glätten, dann fanden Judi Dench und Maggie Smith im „Best Exotic Marigold Hotel“ zu jungem Glück zurück. Der klischeetriefende und verklärende Orientalismus dieser Marksteine des modernen Therapiefilmgenres hat in der abendländischen Kulturgeschichte eine lange Tradition, die bis in die Anfänge der britischen Kolonialzeit zurückreicht. In „Learning to Drive“ spürt man ein Bewusstsein für die Gefahr, Darwan auf das Stereotyp eines „weisen Fremden“ zu reduzieren, eines exotisch-moralischen Steigbügelhalters für die Protagonistin. Daher kontrastiert der Film Wendys Existenzmisere in ihrem rotbraunen Sandsteinhaus an der Upper West Side immer wieder mit den sehr konkreten Problemen des politischen Flüchtlings aus dem Punjab, der in seiner Kellerwohnung in Queens Freunden und Verwandten ohne Aufenthaltsgenehmigung Unterschlupf gewährt.

Trotzdem versinken die meisten Reibungsflächen am Ende in der Wohlfühlsuppe. Selbst die Regisseurin des Films – die gebürtige Katalanin Isabel Coixet – gestand in einem Interview, „Learning to Drive“ sei ihr erstes richtiges „Feel-Good-Movie“, und die Anlehnung an das erwähnte Erfolgsmodell ist nicht von der Hand zu weisen: In der literarischen Vorlage, einem autobiografischen Essay der US-Kolumnistin Katha Pollitt, war der Fahrlehrer noch ein Filipino.

Coixet erlangte Anfang der Nullerjahre kurzzeitige Bekanntheit mit impressionistischen Melodramen wie „Mein Leben ohne mich“ und „Das geheime Leben der Worte“, Kingsley und Clarkson standen schon für die Philip-Roth-Verfilmung „Elegy“ zusammen vor ihrer Kamera. In letzter Zeit fiel Coixet eher mit Quantität als mit Qualität auf (ihr aktuellster Film „Nobody Wants the Night“ eröffnete lauwarm die heurige Berlinale), aber zumindest kann man ihr nicht vorwerfen, in Bezug auf die Ästhetik ihrer Projekte indifferent zu sein. „Learning to Drive“ wurde vor Ort in New York gedreht, die authentischen Schauplätze verleihen der formelhaften Handlung etwas Charakter. Gleichzeitig sieht der Film aus wie ein Mandala: Seine nachbearbeitete Farbpalette ist fast schon übermäßig bunt, satt und kontrastreich, Darwans Dastar-Turban wechselt von Szene zu Szene den Anstrich. Im Grunde ist diese „indische“ Retusche eher peinlich und passt nicht wirklich zum zurückhaltenden Tonfall der Erzählung, aber die Aufmachung vergleichbarer Filme ist üblicherweise so öd, dass man sich trotzdem darüber freut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2015)

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