„The Visit“: Modernes Geisterbahnkino

M. Night Shyamalan wagt mit der Horrorkomödie „The Visit“ ein Kino-Comeback: kommerziell sehr erfolgreich, ästhetisch etwas weniger.

„The Visit“
„The Visit“
„The Visit“ – (C) Universal

Horror und Komik liegen nahe beieinander. Es bedarf nur einer winzigen Koordinatenverschiebung, und das Unheimliche kippt ins Lächerliche oder umgekehrt. Regisseur M. Night Shyamalan hatte einst keine Probleme damit, diese heikle Balance zu wahren. Seine Mysterythriller mit Wendepunktgarantie („The Sixth Sense“, „Unbreakable“) kamen Anfang der Nullerjahre gut bei Kritik und Publikum an, ihre atmosphärische Integrität stand außer Frage. Doch irgendwann geriet Shyamalans persönliche (und oft befremdlich einfältige) Künstlerperspektive mit den inszenatorischen Anforderungen solider Genre-Unterhaltung in Konflikt. Spätestens seit dem B-Film-Faszinosum „The Happening“, in dem Windböen den Tod bringen und Mark Wahlberg mit Gummipflanzen parliert, hat ihn die Hollywood-Leitkultur abgeschrieben – seine Reputation als Exzentriker mit Hang zur Selbstbeweihräucherung war schon vorher ein Karriere-Hemmschuh.

Shyamalan ließ sich davon nicht entmutigen: Er realisierte zwei Auftragsarbeiten (die Zeichentrickverfilmung „The Last Airbender“, das Will-Smith-Eitelkeitsprojekt „After Earth“), die heuer von ihm produzierte Mysteryserie „Wayward Pines“ wurde überwiegend positiv aufgenommen. Nun hat er sich mit der erfolgreichen Diskont-Horror-Produktionsfirma Blumhouse zusammengetan, um ein unabhängiges Kino-Comeback im Zeichen alter Glanztaten zu wagen. Gelungen ist es ihm nicht wirklich, aber zumindest weiß er inzwischen besser mit den absurden Schattierungen seiner filmischen Handschrift umzugehen: Wenn man bei „The Visit“ überlegt, ob man sich fürchten oder schieflachen soll, scheint das zumindest teilweise beabsichtigt.

„The Visit“ ist Found-Footage-Grusel – durch „Blair Witch Project“ als Horrorfilmform konventionalisiert und seit dem Blumhouse-Hit „Paranormal Activity“ das Geldkuh-Genre du jour. Dank Amateurästhetik, Schauplatzbeschränkung und kleiner Ensembles sorgen die Minimalbudgets dieser Filme für astronomische Gewinnspannen bei Publikumsanklang, das Verlustrisiko ist gering. Shyamalans aktuelles Werk präsentiert sich als „Dokumentarfilm“, den die 15-jährige Becca (Olivia DeJonge) anfertigt, während sie und ihr jüngerer Bruder Tyler (Ed Oxenbould) bei ihren Großeltern zu Besuch sind. Ihre cinephile Ader ist ein Vorwand für stilistische Freiheiten und Meta-Witzeleien, den offenkundig professionell ausgeleuchteten Digitalbildern fehlt aber ohnehin jede Spur von Authentizität.

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Oma und Opa (Deanna Dunagan und Peter McRobbie) leben weitab vom Schuss in einem alten Landhaus, der Mutter des Geschwisterpaars sind sie schon seit Jahrzehnten entfremdet. Bald mehren sich die Zeichen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt: Becca wird zum Putzen ganz tief in den Ofen beordert, in einer benachbarten Scheune findet Tyler einen Haufen blutiger Windeln. Stück für Stück wird es schwieriger, das sonderbare Verhalten der Senioren mit handelsüblicher Senilität zu erklären.

Am besten funktioniert „The Visit“, wenn er mit dem Schreckpotenzial von Altersschrullen spielt, viel zu oft verlässt er sich jedoch auf epigonale Motive – Großmama krabbelt auf allen Vieren umher wie im „Exorzisten“, den Garten schmückt der Brunnen aus „The Ring“ –, und es hilft der Schauerstimmung nicht gerade, dass Shyamalan auf Musikeinsatz fast völlig verzichtet. Überhaupt unterliegt der Tonfall wilden Schwankungen: Zwischendrin finden sich Interview-Sequenzen zwecks Charakterentwicklung, pathetische Passagen erinnern an den Subtext (Generationenversöhnung), und weil Tyler angehender Freestyle-Rapper ist, dürfen Kostproben seines Talents auch nicht fehlen.

 

Hysterisches, mitreißendes Finale

Selbst aufgelegte Schockmomente werden humoristisch durchkreuzt: Nach einem besonders grausigen Anblick wendet sich Tyler eher verdutzt als erschrocken zur Kamera und fragt, ob das jetzt normal gewesen sei. Aber eigentlich ist dieses Oszillieren zwischen Zittern und Kichern der Grundmodus im zeitgenössischen Geisterbahnkino, das lieber die Affekte pikst, als durchdringende Angst zu schüren. Im Finale von „The Visit“ fällt das Makabre und Burleske (nach einem absehbaren Plot-Twist) endgültig ineinander, auf seine hysterische Art ist es mitreißend. Schon jetzt hat der Film das Zehnfache seines Fünf-Millionen-Dollar-Budgets eingespielt – vielleicht ist die Welt nun endlich reif für die eigentümlichen Visionen M. Night Shyamalans.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2015)

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