„Beautiful Girl“: Wann kommt endlich die Wut?

Eine 15-Jährige verschlägt die Scheidung der Eltern in einen Wiener Gemeindebau: Ihrem wahren Konflikt wird Dominik Hartls Spielfilmdebüt „Beautiful Girl“ nicht gerecht.

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„Beautiful Girl“ – (C) Luna Filmverleih

Bevor Charly (Jana McKinnon) entwurzelt wird, sitzt sie noch unter einem Baum auf einer Schaukel und sieht raus auf das Weizenfeld. Ihre Eltern lassen sich scheiden, und sie zieht mit ihrer Mutter (Lilian Klebow) und ihrem jüngeren Bruder aus dem Dorf zur Großmutter in den Gemeindebau nach Wien. Denn ihr Vater (Hary Prinz) hat eine Jüngere. Das alles nimmt die fast 16-Jährige, Hauptfigur des Coming-of-Age-Dramas „Beautiful Girl“, fast gleichmütig hin. In ihrer neuen Schule findet sie bald Freunde, die erste Liebe ist nicht weit. Der aus Italien stammende Carlo (Giacomo Pilotti) wohnt schließlich auf der Stiege nebenan. Und Carlos bester Freund, der Sitzenbleiber Sulzer (Marlon Boess), lädt sie auf eine seiner coolen Partys in die Villa seiner Eltern ein. „Ich bin nicht verliebt in dich“, erklärt er ihr dort. Man glaubt ihm nicht. Bald werden Charly, Carlo und Sulzer beste Freunde – ein Trio mit unterschwelliger sexueller Spannung. Für wen sich die hübsche Jugendliche entscheiden wird, bleibt lange offen. Im Split Screen wird Charly mit den beiden Burschen parallel gezeigt, sie radelt zu den Klängen der Indierocker Steaming Satellites (die auch einen Konzertauftritt haben) durch Wien, lässt Feuerwerke explodieren und macht allerlei jugendlichen Blödsinn.

Leichtfüßig inszeniert Dominik Hartl in seinem Spielfilmdebüt den Aufbruch von Charly in die Welt der Erwachsenen. Diese benehmen sich oft deutlich kindischer als die Jugendlichen. Charlys egoistische, hysterische Mutter ist zu unselbstständig, um länger allein zu bleiben, ihr Vater denkt peinlich kurzfristig. Carlo muss oft den Aufpasser für seine alkoholsüchtige Mutter spielen, Sulzers Eltern sind ständig abwesend. Insgesamt wirken die Erwachsenen fast durchwegs inkompetent, Familien dysfunktional. „Familie kann man sich nicht aussuchen, aber Freunde schon“, sagt Sulzer einmal. Die Freundschaft der drei bildet das Zentrum des Films.

 

Der Sex als lästige Aufgabe

„Beautiful Girl“ taucht selten in die Tiefe, bleibt manchmal ganz an der Oberfläche. Charlys Wiener Schule ist inszeniert wie die High School einer US-Komödie. Hartls Adaption von Gabi Kreslehners Roman „Charlottes Traum“ wirkt an vielen Stellen verkürzt – vor allem in den Dialogen. Charly bleibt oft sogar sprachlos. Mehr Gewicht hat der Film dort, wo Hartl seine eigenen Jugenderfahrungen einbrachte. Das passiert etwa in der Szene, in der Charly ihre Jungfräulichkeit verliert: Vor dem nächtlich leuchtenden Wien erledigt sie den Sex wie eine lästige Aufgabe. „Alles, was mit Sex zu tun hat, war im Buch nicht vorhanden“, erklärte Hartl, der nächstes Jahr mit dem heiß erwarteten Alpen-Zombiefilm „Attack of the Lederhosenzombies“ ins Kino kommt, der APA die hinzugefügte Szene. „Ich fand den Zugang interessant, dass man nicht auf den Prinzen wartet und es im Kerzenschein macht, sondern es einfach hinter sich bringt, damit man danach neu drüber nachdenken kann.“

Ihre erste sexuelle Erfahrung scheint in Charly nicht nachzuwirken. Überhaupt behält sie ihre Emotionen für sich, der Kernkonflikt des Scheidungskinds wird im Film zu beiläufig verhandelt. Wann, fragt man sich, lässt sie endlich ihre Wut über die Trennung ihrer Eltern zu, damit sie nicht abstumpft und den Glauben an die Liebe wiederfindet? Es ist eine wahre Wohltat, als sie dann doch einmal regelrecht explodiert – wie eine Coladose, die im Gefrierfach vergessen wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2015)

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