„Love“: Aus Blut, Sperma und Tränen

Gaspar Noé wollte in „Love“ Liebe und Sexualität im Kino spürbar machen – mit famosem Einsatz von 3-D. Doch die stärksten Sequenzen schildern ein Trennungstrauma.

Ästhetik der Dreisamkeit: Karl Glusman, Aomi Muyock und Klara Kristin im Doppelbett – in Gaspar Noés „Love“.
Ästhetik der Dreisamkeit: Karl Glusman, Aomi Muyock und Klara Kristin im Doppelbett – in Gaspar Noés „Love“.
Ästhetik der Dreisamkeit: Karl Glusman, Aomi Muyock und Klara Kristin im Doppelbett – in Gaspar Noés „Love“. – (c) Thimfilm

Dass man im Programmkino sitzt und dabei zusieht, wie sich ein erigiertes Glied in Großaufnahme Richtung Publikum entleert, kommt seit der Sexfilmwelle Ende der Siebziger nicht mehr allzu oft vor, und wenn doch, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Film von Gaspar Noé handelt, relativ hoch. Der argentinisch-französische Regisseur gilt seit Filmen wie „Menschenfeind“ und „Irreversibel“ als Enfant terrible, von dem derartige Leinwandtransgressionen regelrecht erwartet werden. Schon seine letzte Arbeit, der psychedelische Astralreisenexzess „Enter the Void“, trumpfte mit einer (computeranimierten) Ejakulation in die Kamera auf. Nun also wieder – doch diesmal scheint die Sache zumindest thematisch angemessen. Der Titel von Noés neuestem Werk lautet nämlich „Love“.

Obwohl Noé es einem nicht immer leicht macht – die Filmplakate in Cannes trieften nicht von ungefähr vor Körperflüssigkeiten – wäre es verfehlt, ihn auf sein Etikett als Skandalfilmer zu reduzieren.

 

Noé hypnotisiert den Zuseher

Seine technische Virtuosität wird ihm niemand absprechen, und auch in Sachen Kinosensualismus hat sein überschaubares Schaffen neue Maßstäbe gesetzt: Es hypnotisiert den Zuschauer nach allen Regeln der Kunst, um ihm dann abrupte Schläge in die Magengrube zu erteilen. In „Enter the Void“ verzichtete er auf den Konfrontationskurs zugunsten totaler Immersion in eine frei durch ein Neon-Tokio flottierende Nicht-ich-Perspektive. Das Ergebnis war beeindruckend, aber erschöpfend: Diesen esoterisch unterfütterten, buchstäblich haltlosen und dabei knapp dreistündigen Rauschfilm musste man erst einmal durchsitzen. Im Vergleich dazu ist „Love“ ein bescheidenes Projekt – in 3-D.

Obwohl: Bescheiden ist die Ambition, Liebe und Sexualität im Kino wirklich spürbar zu machen, eigentlich nicht, und nichts weniger hat sich Noé diesmal vorgenommen – in deklarierter Opposition zu unterkühlten Entfremdungs- und Vergletscherungsvisionen aus dem Arthaus-Schlafgemach sowie lustlos-maschineller Internetpornografie. Der karge Plot dient als Schablone für eine Abfolge von Stimmungsbildern und expliziten, allem Anschein nach unsimulierten Sexszenen. Die Hauptdarsteller sind keine bekannten Größen. Karl Glusman spielt den Möchtegern-Regisseur Murphy, der in seiner Paarbeziehung mit Kind ziemlich unglücklich ist. Über ausgedehnte Erinnerungsfragmente erfahren wir, warum: Er war einst vernarrt in eine andere, doch seine Treulosigkeit führte dank eines geplatzten Kondoms aus ihrem Leben und in die Kleinfamilie mit Omi. Nun hat der Arme Liebesentzugserscheinungen.

Noé kultiviert im Zuge dieser Passionsgeschichte bewusst eine Ästhetik der Zwei- und gelegentlichen Dreisamkeit. Keine einzige Szene ist nach klassischem Schuss-Gegenschuss-Schema aufgelöst. Stets sitzen, stehen oder liegen die Menschen einander im Rahmen einer Einstellung gegenüber. Und in manchen dieser Einstellungen geht es dann eben zur Sache. Im Doppelbett, untermalt von Klassik und Alternative-Kuschelrock. Die lasziven Liebkosungsbilder evozieren klassische Erotika, aber letztlich ist ihre Wirkung bei aller Wärme und Zärtlichkeit eher einlullend als anregend. Vielleicht liegt es an der monotonen Inszenierung des regen Treibens: Statische Tableaus, schummrige Stimmungsbeleuchtung, nur wenige Schnitte – ein ums andere Mal. Man ertappt sich bei anständigen Gedanken, etwa über den tatsächlich famosen Einsatz von 3-D, der hier abseits von Abdunkelung und Penisvergrößerungseffekten außergewöhnliche Momente tiefenscharfer Sinnlichkeit beschert (eine Clubszene mit Lichtshow bleibt besonders in Erinnerung).

Überhaupt erweist sich das Rundherum als wesentlich: Die stärksten Sequenzen schildern Murphys Trennungstrauma als klaustrophobisches Horrormelodram um Sexbesessenheit. Was die mutigen, aber sichtlich unerfahrenen Schauspieler nicht vermitteln können, besorgen Rotlicht, Set- und Tondesign. Der Berufswunsch der Hauptfigur, die „Filme aus Blut, Sperma und Tränen“ machen will, ist im Übrigen nur eine von vielen Selbstreferenzen in „Love“, und dass Noé kein gutes Haar an seinem Alter Ego lässt, hat auch etwas Anrührendes. Der Vorwurf des selbstmitleidigen Männerblicks ist trotzdem nicht unangebracht.

In Frankreich ging es bei der Veröffentlichung des Films um andere Dinge: Konservative Kräfte erwirkten eine Anhebung der Altersfreigabe auf „Ab 18“. Die für französische Verhältnisse harsche Entscheidung löste eine Zensurdebatte aus – zumindest damit sorgte „Love“ also für erregte Gemüter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2016)

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