„The Big Short“: Schräge Vögel im Dschungel der Hochfinanz

Der Comedy-Spezialist Adam McKay legt mit „The Big Short“ einen ziemlich chaotischen Film über die Profiteure der Finanzkrise 2008 vor – und will damit auch Lektionen erteilen.

Jared Vennet (Ryan Gosling, rechts) und Mark Baum (Steve Carell, sitzend, Mitte) sehen die Finanzkrise kommen – und setzen alles auf eine Karte.
Jared Vennet (Ryan Gosling, rechts) und Mark Baum (Steve Carell, sitzend, Mitte) sehen die Finanzkrise kommen – und setzen alles auf eine Karte.
Jared Vennet (Ryan Gosling, rechts) und Mark Baum (Steve Carell, sitzend, Mitte) sehen die Finanzkrise kommen – und setzen alles auf eine Karte. – (c) Universal

Rückblickend wirkt die Finanzkrise des Jahres 2008 wie ein absurder Witz: Spekulationen im Bankensektor führten zu Verlusten in Milliardenhöhe, die via Staatshilfe auf die Bevölkerung abgewälzt wurden, während die (Mit-)Verantwortlichen weitgehend straffrei blieben und weiterhin ihrem Geschäft nachgehen. Unter diesem Gesichtspunkt verwundert es nicht, dass der US-Comedy-Spezialist Adam McKay bei seinem ersten Vorstoß ins „seriöse“, oscartaugliche Fach jene Machenschaften in den Blick nimmt, die das unkontrollierte Wachstum der Immobilienblase verschuldeten.

Auf den zweiten Blick verwundert es noch weniger: McKay, Mitbegründer der Improvisationskomikertruppe Uptight Citizen Brigade, war schon während seiner Theaterzeit für politisch aufgeladene Sketches bekannt. Seine Komödien mit Will Ferrell strapazieren nicht nur die Lachmuskeln, sie erzählen auch vieles über (männliche) Rollenbilder des American Way of Life. In den vergangenen Jahren wurden die Arbeiten des erklärten Demokraten expliziter in ihrer politischen Positionierung: „The Campaign“, bei dem er sich als Produzent und Story-Lieferant beteiligte, handelte vom US-Wahlkampfirrsinn und enthielt eine Parodie auf die Koch-Brüder, erzkonservative Zentralmäzene der Republikaner. McKays letzte Zusammenarbeit mit Ferrell („Die etwas anderen Cops“) war im Kern ein Krimi um Wirtschaftsdelikte, der Abspann bot eine Animationssequenz voller Statistiken zur Entwicklung der Einkommensschere.

Sein neuester Streich, „The Big Short“, basierend auf Michael Lewis' Sachbuch über eine Handvoll prophetischer Profiteure des großen Finanzdebakels, möchte zu gleichen Teilen unterhalten, aufklären und agitieren, mit tatkräftiger Unterstützung eines beachtlichen Staraufgebots – in den Hauptrollen sind Christian Bale, Ryan Gosling und Steve Carell zu sehen, einen Gastauftritt von Brad Pitt gibt es als Sahnehäubchen.

 

Fern vom Wall-Street-Klischee

Der Film erzählt aus der Insider-Perspektive (andere wären bei diesem Thema kaum denkbar). Ein naheliegender Referenzpunkt ist „The Wolf of Wall Street“, und obwohl „The Big Short“ mit Martin Scorseses wahnwitziger Broker-Pikareske auch einige Stilmittel gemein hat, gibt es entscheidende Unterschiede. Dort brillierte Leonardo DiCaprio als überdrehter Turbokapitalist im Dauerrausch. Die Antihelden von „The Big Short“ entsprechen im Vergleich weit weniger dem gängigen Klischee hedonistischer Wall-Street-Powerplayer: Stattdessen ist es hier ein bunter Haufen schräger Vögel, die den Pleitegeier schon von Weitem wittern.

Am (verhaltens-)auffälligsten von allen: Dr. Michael Burry (Bale, dessen Figur als einzige unmittelbar – also auch dem Namen nach – ihrem realen Vorbild nachempfunden ist). Der ehemalige Mediziner und begnadete Zahlenknacker trägt als Leiter seines privaten Hedgefonds Schlapfen im Büro, ballert zur Entspannung Death Metal über die Computerboxen und schielt mit seinem Glasauge an verdatterten Bewerbern vorbei, während er ihnen sonderbare Komplimente macht und von Wirtschaftsgeschichte schwadroniert. Kein Wunder, dass ihm keiner glaubt, als seine Kalkulationen den großen Absturz an die Wand malen. Korrektur: fast keiner. Der Trader Jared Vennet (Gosling), der Investmentbanker Mark Baum (Carell mit Wischmopp-Matte) und zwei aufstrebende Business-Jungspunde (gespielt von John Magaro und Finn Wittrock) riechen den Braten und setzen in Folge auf die Implosion der Immobilienblase.

 

Fachjargon-Kaskaden

„The Big Short“ ist ein ziemlich chaotischer Film – wenig überraschend bei fünf Hauptfiguren, deren Handlungsstränge sich nur selten überschneiden. Hinzu kommt die Komplexität des Inhalts, die Fahrigkeit von Kamera und Schnitt sowie McKays Hang zu erratischen postmodernen Stilschnörkeln, von denen einige deplaciert wirken (darunter Erklärungsexkurse mit Gaststars wie Selena Gomez oder dem TV-Koch Anthony Bourdain, die ökonomische Begriffe metaphorisch aufdröseln dürfen). Als BörsenCrashkurs ist „The Big Short“ ohnehin viel zu dicht und überstürzt, um Laien einzuweihen. Wer Devisen nicht von Derivaten unterscheiden kann, wird nach dem Film nicht viel schlauer sein – bei der oscarprämierten Info- und Interviewdoku „Inside Job“ ist man diesbezüglich besser aufgehoben. Wer sich hingegen schon zurechtfindet im Dschungel der Hochfinanz, wird an den Fachjargon-Kaskaden des Films seine Freude haben, aber kaum etwas Neues dazulernen.

Dennoch: Allein die Schauspieler machen „The Big Short“ sehenswert, alle hier sind in (zuweilen hochkomischer) Topform. Besonders Carell, der als verbitterter Nutznießer des von ihm verachteten Finanzsystems vergeblich versucht, die Welt zu alarmieren, und so eine Art moralischen Ankerpunkt bildet. Gegen Ende wechselt der Tonfall vom Locker-Schwungvollen ins nahezu Tragische, und „The Big Short“ gerät zum unverhohlenen Empörungsschrei. Man kann auch bekritteln, dass McKay die Moralkeule auspackt, aber als Erinnerung an die Verfehlungen rezenter Vergangenheit und den Mangel an daraus gelernten Lektionen hat sein Film jede Berechtigung: Nach der Krise ist vor der Krise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2016)

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