Neu im Kino: Im Himmelbett mit Brüno

Sacha Baron Cohen als Klagenfurter Modejournalist "Brüno": Ein Provokationsparcours als Sittenkomödie vom Schwachsinn im Medienzeitalter. Ab Freitag im Kino.

(c) Mark Schwartzbard (Universal)

Der Skandal wird diesmal ausbleiben: Hatte Borat (2006) mit seiner unorthodoxen Mischkulanz aus Dokumentarästhetik und vulgärer (Selbst-)Inszenierung sorglose, weil unvorbereitete Unterhaltungssuchende verstört, so präsentiert sich Brüno jetzt – im übertragenen Sinn – auf einem rosaroten Himmelbett. Denn die Aufmerksamkeitsmaschine zum Kinoeinsatz von Sasha Baron Cohens schwuler Kunstfigur (wie schon sein kasachischer Reporter Borat eigentlich für die Fernsehsendung „Da Ali G Show“ kreiert) läuft seit Monaten auf Hochtouren. Sie verunmöglicht demnach – obwohl der „Inhalt“ des Films bis zuletzt, unter anderem mit Embargos für Journalisten, geheim gehalten wurde – jenen Überraschungseffekt, den Borat genießen und ausnutzen konnte.

Brüno landete zur TV-Preisverleihung im Engelskostüm auf Rapper Eminem, strippte bei US-Talkmaster Conan O'Brien und versorgte über das Kommunikationsnetzwerk Twitter knapp 30.000 Leser täglich mit mehreren Kommuniqués. Am 8.Mai schrieb er: „Heute ist St.-Adolf-Tag in Österreich! Jeder hebt ein Glas auf den österreichischen Traum: Finde einen Job, such dir einen Keller und gründe eine Familie darin!“ Was nach gesichtslosem Marketing oder einer gut abgehangenen Provokation aussieht, hat bei Cohen allerdings (inhaltliche) Substanz: Er setzt in der Eigen- und Firmenwerbung jene Strategie fort, die er in Film und Fernsehen kultiviert und letztlich salonfähig gemacht hat: nämlich das Ineinanderverschränken von Wirklichkeit und Fiktion.

 

Tausch in Nairobi: Kind gegen iPod

Cohens Auftritte docken an die verschobenen Reality-Kategorien der Medienlandschaft an, mit seinen Provokationen und Überschreitungen infiltriert er – durchaus brachial und hinterfotzig – das Königreich der Selbstinszenierungen. Sein (nie öffentlich gemachtes) Ziel ist dabei hoch moralisch und, wenn man so will, edel: Die angewandten Schocktaktiken sollen und müssen den Zusehern die Gemachtheit jedweder medialen Information und Unterhaltung vor Augen führen.

Brüno ist subversiver Mainstream und dabei noch ausgesprochen komisch. Der schwule Modejournalist und Fernsehmoderator (der Sendung „Funkyzeit mit Brüno“) aus Klagenfurt(!) will jedenfalls „der größte österreichische Superstar seit Hitler“ werden und dafür sämtliche Massenkommunikationskanäle nutzen: Er bittet eine Terrorgruppe um eine Entführung samt Videobotschaft an alle großen Nachrichtensender, tauscht in Nairobi einen iPod gegen ein farbiges Kind und landet schließlich in der Hauptstadt des (vergänglichen) Ruhms: Los Angeles. Was folgt, ist ein gewitzter Provokationsparcours durch die in den USA massig vorhandenen Strukturen zur Selbststilisierung: Brünos „Agent“ Lutz verschafft ihm etwa prominente Interviewgäste wie Paula Abdul, die auf „Mexican Chair People“ (zu Wohnzimmermöbeln umfunktionierten mexikanischen Arbeitern) sitzen und über ihr gemeinnütziges Engagement schwadronieren. Cohen ist dabei oft, aber nicht immer am Punkt, führt an simplen Beispielen die Heucheleien der ausgebügelten Glitzerwelt vor.

 

Kunstfiguren, die nicht erkannt werden

Brüno begibt sich aber auch auf glattes (und gefährliches) Terrain, diskutiert mit Pastor über Heilung von Homosexuellen, schreibt sich in die Armee ein oder geht mit echten Kerls auf die Jagd. Cohens überzeichnete Kunstfiguren – ob Borat oder Brüno – können bestehen, weil sie nicht mehr als solche erkannt, sondern als real akzeptiert werden: Nicht umsonst zeigt sich der britische Komiker (und begnadete Schauspieler) selten bis nie unverkleidet in der Öffentlichkeit.

Aber es braucht diese Trugbilder wie Brüno, um das noch viel größere Trugbild bloßzustellen: Cohen begibt sich auf Augenhöhe mit dem System, das er kritisiert, krempelt es von innen heraus um. Seine Filme halten der westlichen Gegenwartsgesellschaft – ganz altmodisch – den Spiegel vor. Und wie bei jeder Sittenkomödie kommt es letztlich gar nicht so sehr auf den Inhalt, sondern auf die Reaktionen der Zuseher an: Man lacht, man schaudert, man ist entsetzt. Und dabei geht es längst nicht mehr um Brüno.

Zu Figur und Person

„Brüno“ ist der zweite Spielfilm um das britische Comedy-Chamäleon Sacha Baron Cohen nach dem Welterfolg seiner Komödie „Borat“ (2006). Brüno, der schwule Modejournalist des angeblichen „Österreichischen Jugendrundfunks“, ist wie der Kasache Borat eine Kunstfigur, die Cohen erst für seinen TV-Erfolg „Da Ali G Show“ (2000–2004) kreierte.

Sacha Baron Cohen (*1971, London) hat mit einer provokanten Methode Aufsehen als Komiker erregt: Mit unkorrektem Verhalten und gespielter Ahnungslosigkeit treibt er seine Gegenüber zur Selbstentlarvung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2009)

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