„Ein Hologramm für den König“: Verloren in Saudiarabien

Aus dem geplatzten amerikanischen Traum in die Wüste: „Ein Hologramm für den König“ zeigt Tom Hanks als gescheiterten Unternehmer in einer fremden Welt.

(C) Warner

Es beginnt, typisch für Regisseur Tom Tykwer, schwungvoll-manieristisch: Der Geschäftsmann Alan Clay (Tom Hanks) spaziert durch eine Art Musikvideo zum Talking-Heads-Song „Once in a Lifetime“ und intoniert dabei dessen leicht veränderten Text: „You may find yourself without a beautiful house, without a beautiful wife / and you may ask yourself / how did I get here?“ Im Hintergrund lösen sich Frau und Reihenhaus in lila Rauch auf. Clays amerikanischer Traum ist geplatzt, die Finanzkrise hat ihm den Garaus gemacht. Nun sitzt er bankrott neben Hadsch-Pilgern im Flieger nach Saudiarabien. Dort soll er König Abdullah im Auftrag eines IT-Unternehmens eine holografische Kommunikationstechnologie für dessen hypermodernes Wüstenstadtprojekt andrehen. Clay sieht den Deal als letzte Chance, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, aber nichts läuft nach Plan. Der Monarch lässt warten, sein Stellvertreter ist konstant verhindert, es gibt weder Wi-Fi noch Klimaanlage, die Kollegen vor Ort sind ahnungslos. Jeden Tag fährt Clay mit dem Taxi in die Wüste, jeden Tag wird er aufs Neue vertröstet. Zu allem Überfluss bildet sich eine seltsame Geschwulst auf seinem Rücken. Vielleicht Krebs? Da möchte man fast zur Flasche greifen – doch Alkohol ist streng verboten, wie die Hotelrezeption höflich mitteilt.

 

Leer stehende Hochhäuser

„Ein Hologramm für den König“, basierend auf dem Roman von Dave Eggers, erzählt vom Orientierungsverlust der Mittelschicht, tänzelt dabei als sonnig-entspannte Dramödie über dem Abgrund des Absurden, ohne je den Sprung in die Tiefe zu wagen. Saudiarabien ist eine fremde Welt für Clay, aber im Grunde ist es die Zeit, mit der er nicht mehr zurechtkommt. Er war der Leiter einer Firma für Fahrräder, doch die Konkurrenz aus China zwang ihn in die Knie. Nun bietet er virtuelle Ware für eine virtuelle Metropole feil und weiß nicht, was das alles soll. Niemand versteht seine Anspielungen auf „Lawrence von Arabien“, ständig brechen ihm die Sessel unterm Hintern weg. Das feste Weltbild der Babyboomer-Generation ist einer globalisierten Spielwiese gewichen, wo alles möglich scheint, aber nichts Halt bietet – auch die leeren Hochhäuser der künftigen Millionenstadt gleichen einer Fata Morgana.

Irritiert ist Clay auch von den Widersprüchen zwischen Modernität und Archaik in seiner Umgebung. Der Reiseführer Yousef (Alexander Black) hört im Auto Progressive Rock, muss aber wegen einer Affäre mit einer verheirateten Frau um sein Leben bangen. Und hinter den prunkvollen Fassaden des ölreichen Landes offenbart sich harsche Ausbeutung: „Wir haben hier keine Gewerkschaften, wir haben Philippiner“, heißt es einmal. Doch an Gesellschaftskritik ist der Film nur bedingt interessiert, am Ende erweist er sich im Unterschied zum Roman als eine weitere Geschichte von Selbstfindung und Regeneration – das Kernthema zeitgenössischen Arthouse-Kinos. So gesehen ist der Allzwecksympathieträger Hanks eine Idealbesetzung: Gern begleitet man ihn bei seinen wackligen Manövern zwischen Unbeholfenheit und Selbstermächtigung. Und bei der Liebe: Die Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) behandelt erst Clays – harmloses – Lipom, dann lädt sie ihn in ihre Villa ein. Beim verstohlenen Planschen im Roten Meer kommt man einander näher. Der Deal geht zwar wieder an die chinesische Konkurrenz, aber irgendwie scheint am Schluss trotzdem alles in Ordnung: ein narratives Wohlfühl-Hologramm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2016)

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