"Captain Fantastic": Der Aussteigerpapa und seine bunte Sippe

In "Captain Fantastic" erzieht ein Mann seine Kinder fernab der Zivilisation – und erkennt, dass diese sich selbst ein Bild von der Welt machen müssen.

Ein Roadtrip wird zur Belastungsprobe für Bens isolationistische Erziehungsstrategie: Viggo Mortensen als alleinerziehender Familienvater von sechs Kindern.
Ein Roadtrip wird zur Belastungsprobe für Bens isolationistische Erziehungsstrategie: Viggo Mortensen als alleinerziehender Familienvater von sechs Kindern.
Ein Roadtrip wird zur Belastungsprobe für Bens isolationistische Erziehungsstrategie: Viggo Mortensen als alleinerziehender Familienvater von sechs Kindern. – (C) Constantin

Wenn man Amerika auf einen Grundwert reduzieren müsste, dann wäre es wohl Freiheit. Eine radikale Auslegung dieses Freiheitsgedankens, der Traum vom Aussteigerdasein, geistert schon lang durch die US-Ideengeschichte. Der Transzendentalist Henry David Thoreau zog 1845 für zwei Jahre in eine selbst gebaute Blockhütte in den Wäldern von Massachusetts, um sich dort seinem spirituellen Ideal einer einfachen, unabhängigen Existenz zu nähern. „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde“, schrieb er später in der philosophischen Selbstversorgerfibel „Walden“, die nach wie vor als Alternative-Lifestyle-Standardwerk gilt und im Lauf der Zeit etliche Nachahmer inspiriert hat.

Nicht alle waren den Herausforderungen ihrer Utopien gewachsen. Der idealistische Student Christopher McCandless starb 1992 nach einer abenteuerlichen Odyssee durch die Vereinigten Staaten in der Pampa Alaskas, wo er sich ein autonomes Refugium zu schaffen erhoffte, an Auszehrung (Sean Penn setzte ihm mit dem Film „Into the Wild“ ein Denkmal). Den extremen Gegenpol zum Bild des friedlichen Einsiedlers bildet „Unabomber“ Ted Kaczynski: Der Mathematikprofessor und Technikfeind machte seine Klause in den Bergen Montanas zur Terrorzelle und versendete über 20 Jahre hinweg Briefbomben gegen das System.

 

Im Dickicht Nordwestamerikas

Ben, die Hauptfigur des Indie-Dramas „Captain Fantastic“, ist eine Art Amalgam aus all diesen Gesellschaftsverweigerern – und noch dazu alleinerziehender Vater von sechs Kindern unterschiedlichen Alters. Irgendwo im Dickicht des Pazifischen Nordwestens hat er sich eine Enklave eingerichtet, ausgestattet mit dem Notwendigsten. Hier soll sein aufgeweckter Nachwuchs fernab aller schädlichen Einflüsse durch die verkommene Zivilisation im Einklang mit der Natur zu unverbildeten Überlebenskünstlern und Universalgelehrten heranreifen. Tagtäglich unterzieht Ben seine Sippe einem rigorosen Trainingsprogramm, zu dem Jagdmethodik, Gartenbau und Selbstverteidigung ebenso gehören wie die Lektüre anspruchsvoller Fach- und Weltliteratur – die Extremvariante von Heimunterricht. Dennoch hat das Szenario etwas von einem Hippie-Idyll: Am Abend sitzt die Familie entspannt ums Lagerfeuer und gibt sich fröhlichen Jam-Sessions mit diversen Akustikinstrumenten hin, statt Weihnachten feiert sie Noam-Chomsky-Day.

Aber so leicht lässt sich die Außenwelt nicht abdrängen. Ben erfährt vom Selbstmord der Mutter seiner Kinder, die nach einem Nervenzusammenbruch wegen psychischer Probleme in Behandlung war. Um zu vermeiden, dass die erklärte Buddhistin von ihren christlich-konservativen Eltern „falsch“ bestattet wird, bricht die Außenseiterbande in die Domäne der Domestizierten auf – und naturgemäß wird dieser Roadtrip zur Belastungsprobe für Bens isolationistische Erziehungsstrategie. Denn im Kern ist „Captain Fantastic“ trotz seiner ungewöhnlichen Prämisse eine fast schon klassische Parabel über Elternschaft und die Erkenntnis, dass man seine Nachkommen nicht immer vor der Welt da draußen wird schützen können; dass man ihnen die Möglichkeit bieten muss, sich ein eigenes Bild dieser Welt zu machen, egal, welche Werte man selbst vertritt.

Im Lauf der Reise wird immer deutlicher, dass Bens Kinder zwar über außerordentliche geistige und körperliche Fähigkeiten verfügen, aber wesentliche Sozialisationserfahrungen vermissen: Auf einem Campingplatzzwischenstopp stolpert der älteste Sohn in ein Techtelmechtel mit einem neugierigen Mädchen und ist erschüttert, als sie seinen spontanen Heiratsantrag nicht annimmt. Und dass man die Bill of Rights auswendig zitieren kann, nützt nicht viel, wenn man seine Mitmenschen konstant mit fehlgeleiteter Ehrlichkeit vor den Kopf stößt. Es braucht nicht viele solcher Szenen, um auszumachen, dass die Handlung auf einen Kompromiss zusteuert.

Trotzdem kann man Regisseur Matt Ross nicht vorwerfen, den Lebensentwurf seiner Protagonisten zu diskreditieren. Ross (bislang vor allem als Schauspieler bekannt) hat in seiner Jugend Zeit in Kommunen verbracht und offenkundig Sympathie für die Beweggründe von Aussteigern. Dementsprechend pendelt „Captain Fantastic“ zwischen Romantisierung und Desillusionierung hin und her. Sein größter Coup ist jedenfalls, dass Viggo Mortensen die Rolle des Ben spielt: Es gibt keinen Moment, in dem man ihm seine Figur nicht abkaufen würde – seine bärtige, ruppig-rustikale Erscheinung macht ihn mit seinem Image als zurückgezogener Tausendsassa und Hollywood-Skeptiker ideal für die Rolle, und die Nuanciertheit seiner Darstellung ist ein willkommenes Gegengewicht zu den periodischen Kitschanflügen des Films.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2016)

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