„Little Alien“: Fast von riesigen Rädern überrollt

In „Little Alien“ erzählt Nina Kusturica von jungen Asylsuchern. Die in Sarajewo aufgewachsene Regisseurin floh nach Kriegsausbruch als 17-Jährige nach Österreich.

(c) polyfilm

Die menschlichen Körper werden durch die Wärmebildkamera zur Ansammlung schwarzer Flecken. Der Grenzpolizist sagt, „dass die Reise hier endet. Für die.“ Gemeint sind von der Kamera aufgespürte ukrainische Flüchtlinge. Andere schaffen es zur Erstaufnahmestelle, wo der Informationscomputer darauf hinweist, dass sich Schlepperorganisationen nicht für Menschen, sondern nur für das Geld interessieren. In einem Schaubild rudert jemand mit Paddelboot gen Heimat: „Rückkehrberatung“ im Fachjargon. Darunter in großen Lettern eine Frage als Aufforderung: „Sie wollen zurück?!“

Die in Sarajewo aufgewachsene Regisseurin Nina Kusturica kennt den Asylapparat: Sie floh nach Kriegsausbruch als 17-Jährige nach Österreich. Nun begleitet sie in ihrer Dokumentation andere Little Aliens: Asha und Nura, junge somalische Frauen, warten im Lager Traiskirchen auf „die weiße Karte“, mit der man sich bis zum Abschluss des Asylverfahrens rechtmäßig in Österreich aufhalten darf. Die Afghanen Alem und Jawid sind schon einen Schritt weiter: In Wien warten beide auf den Bescheid, ob sie gehen müssen oder bleiben dürfen.

 

Schönheitsoperationen und Shakira

Little Alien ist auf die Erfahrungswelt der Flüchtlinge zugeschneidert: Die einfache Strategie löst das Thema von der medialen und politischen Instrumentalisierung. Die Verwässerung durch Anrührungs- und Mitleidstaktiken wird gemieden: Ein Mann schikaniert und beleidigt Asha und Nura am Bahnhof, eine Begleiterin meint, „dass dieser Mann Angst davor hat, dass ihm etwas weggenommen wird“. Die Frauen lächeln; später plaudern sie über Schönheitsoperationen, Shakira und Jennifer Lopez. Gerade das Beiläufige und Alltägliche ist wertvoll bei einer Thematik, die der breiten Öffentlichkeit nur über politische Polemiken und Nachrichtenbeiträge vermittelt wird.

Gezeigt wird auch, woher die Asylsucher kommen. In Nordafrika oder Griechenland halten junge Männer Ausschau nach Lastwagen mit tauglichen Unterböden: Ein Junge kriecht zwischen gewaltigen Rädern durch, wird dabei fast überrollt. Sein Blick findet die Regisseurin.

Für solche Momente haben Kusturica und Kameramann Christoph Hochenbichler ein gutes, sehr filmisches Auge. Nur ab und an ist der inszenatorische Wille (zu) stark: Flüchtlinge auf der Operntoilette am Karlsplatz, Ashas Spiegel umklebt mit Popstarbildern von Tokio Hotel bis LaFee – das unterstreicht den Culture Clash zu deutlich. Kusturicas Stärke liegt in den wahrhaftigen Momenten, zu denen ihre freundschaftliche und aufrichtige Beziehung mit den Jugendlichen führt. Wenn die afghanischen Jungs im Tiefschnee der Tiroler Berge umhertollen und einer witzelt, dass sie die Taliban dort hinaufgejagt hätten, dann ist die Vereinbarkeit zweier Kulturen, zweier Welten keine Behauptung, kein Wunsch mehr: Sie ist Tatsache. mak

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)

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