"Blutsfreundschaft": Butterbrot und Brutalität

Roh, leidenschaftlich und politisch provozierend: In Peter Kerns Herzblut-Melodram „Blutsfreundschaft“ feiert Helmut Berger ein großes Comeback.

(c) Stadtkino

Die Parolen, die eingangs geschwungen werden, sind unheimlich – und unheimlich vertraut. Mit einem Treffen der rechtsradikalen RWT – „Österreichs Partei für Recht, Würde, und Tugend“ – beginnt Peter Kerns Melodram Blutsfreundschaft. „Islam, bleib daham“ ist einer der Sprüche an den Wänden, später prangt auf dem Plakat einer Hetzkampagne gegen Homosexuelle der Slogan „Soziale Wärme statt Woame“.

Die Verwendung dieses Plakats bei der Werbung für den Film hat bereits vorab für Kontroversen gesorgt: Trotz des Konterfeis des gealterten Schauspielweltstars Helmut Berger hielten es manche für ein empörendes, weil echtes Inserat und erkannten die (leider real-)satirische Provokation nicht. Was viel darüber erzählt, wie selbstverständlich die Brutalisierung von politischen Statements geworden ist – und darüber, warum Kern diesen Film gemacht hat.

Wie Helmut Berger ist Kern als Schauspieler berühmt geworden – mit preisgekrönten Auftritten in Filmen von Fassbinder und anderen Zentralfiguren des avancierten deutschen Kinos der Siebzigerjahre –, bevor er sich auch als ungewöhnlicher Regisseur einen Namen machte. Kerns Filme sind proletarische Kunst mit Hang zur großen Emotion. Seine prononciert unangepasste Haltung hat Kern ebenso zum Außenseiter gemacht wie seine eigenwillige Ästhetik, die durch Jahre der Arbeit mit minimalen Budgets einen Reichtum verblüffender Arte-povera-Stilisierungen aufweist. Schon der erste österreichische Film des gebürtigen Leopoldstädters Kern nach seiner Rückkehr in die Heimat war ein verzweifelter Rundumschlag gegen gesellschaftliche Verrohung und vorurteilsfördernde Politik: Die Brachialsatire Haider lebt! – 1.April 2021 führte denn auch prompt zu Verbotsforderungen seitens der FPÖ.

 

Der Reiz des Faschismus

In Blutsfreundschaft kämpft Kern eingangs selbst mit harten Bandagen: Der junge Alex (Harry Lampl) hat im Streit das Elternhaus verlassen und taucht in Neonazi-Zirkel ein. Eine donnernde Konzertszene zu Beginn (in einem zum Rechtentreff „Knecht“ umfunktionierten Wiener Lokal) beschwört auch direkt die aggressive Ausgelassenheit, die zum Reiz des Faschismus beiträgt – ein Schlüsselfaktor, den im zuletzt so ausufernden Kino zum Nationalsozialismus nur der Niederländer Paul Verhoeven in seinem Meisterwerk Black Book ähnlich deutlich und kontrovers herausgearbeitet hat. Als Alex mit seiner gewalttätigen Clique (darunter „Falco“ Manuel Rubey) eine soziale Einrichtung überfällt, kommt es zu einer tödlichen Messerstecherei. Zufällig landet der flüchtige Alex in der Wäscherei von Gustav Tritzinsky (Helmut Berger). Und weckt in dem schwulen alten Mann Erinnerungen an seine Jugendliebe – und an eine schwere Schuld. Die wachsende Freundschaft eines der Ihren mit dem Homosexuellen ist den Rechtsradikalen ein Dorn im Auge: Und so startet die RWT die Kampagne gegen Tritzinsky, mit dramatischen Resultaten.

Kern erzählt die Geschichte mit einer Leidenschaft, die sich über alle rohen und grellen Elemente des Films hinauskatapultiert: Trotz teilweise sichtbarer Budgetbeschränkungen versteht sich Blutsfreundschaft als großes populäres Kino. Die Ernsthaftigkeit seiner Themen (und Anliegen) befeuert in Kern den Willen zu bewegen, und zwar auf so unterhaltsame wie provozierende Weise. Der Tragödie mischt er gewohnt exzentrischen Humor samt Musikeinlagen bei: Zu Tritzinskys Freundeskreis zählen ein von Melanie Kretschmann gespielter Transvestit, der nach der Geschlechtsumwandlung zu „Christina Türmer“ wird, und eine von Jazz Gitti verkörperte „Päpstin“, die einmal im schönsten Dialekt entzückt ausruft: „Jö schau, a Malakofftorten!“

Die Reizthemen von Blutsfreundschaft sind Rechtsradikalismus und Homosexualität, aber wie immer begnügt sich Kern nicht damit, und schon gar nicht mit simpler Schwarz-Weiß-Malerei oder Betroffenheitspathos: Sein Film ist zornig und ungeschönt und stopft so viel in die Erzählung, dass die Bilder immer wieder krude, atemlos aufeinanderprallen. Zur ensemblereichen Gegenwartshandlung kommen mattgetönte Rückblenden in die NS-Zeit, die Gewaltausbrüche krachen in stille melodramatische Momente, die Bruchlinien ziehen sich bis durch die Figuren. Denn obwohl Kern Klischees verwendet, bricht er sie auch, lässt die Gegensätze in seinen Charakteren zur Triebfeder des Films werden. Am faszinierendsten in der Gestalt von Tritzinsky, in der Helmut Berger eine unerhörte Einsamkeit und Verzweiflung spürbar werden lässt.

 

Geisterhaft: Viscontis einstiger Superstar

Das Comeback des einstigen Visconti-Superstars und charismatischen Enfant terrible ist eine seiner großartigsten Rollen: Manchmal mutet er völlig verlebt an, wie eine geisterhafte Ahnung seiner selbst, dann tritt er wieder mit der alten Eleganz auf. Weltmüdigkeit und Wärme, Verletzung und Hoffnung vermag Berger in den kleinsten Gesten spürbar zu machen. Wenn er sich im Moment der größten Verzweiflung ein Butterbrot schmiert, ist man versucht, an einen Satz zu denken, den François Truffaut als Kritiker über die Filme des Meisterregisseurs Jacques Becker schrieb: Das Besondere an dessen Kino drücke sich auch in der Liebe aus, mit der er vernachlässigte Details inszeniere, wie die Art seiner Figuren, sich eine Semmel zu buttern.

Ein ähnlicher Impuls ist auch in Kerns Herzblut-Melodramen zu spüren – auch wenn er viel zu ungebärdig und engagiert ist, um sich darauf zu beschränken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2009)

Kommentar zu Artikel:

"Blutsfreundschaft": Butterbrot und Brutalität

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen