Filmkritik: Ballett der Blicke und Bewegungen

Mit „35 Rum“ startet endlich wieder ein Film von Meisterregisseurin Claire Denis in Österreich.

(c) Filmladen

Was Kathryn Bigelow für den amerikanischen Actionfilm ist, das ist Claire Denis für Frankreichs Kunstkino: eine Filmemacherin, die den männlichen Kollegen das Fürchten lehrt. Ihr sinnlicher Stil – geheimnisvoll und bildmächtig (unverzichtbare Mitarbeiterin: Agnès Godard, eine Kamerafrau, die den männlichen Kollegen das Fürchten lehrt) – ist so unverwechselbar wie einflussreich. Im Lauf der letzten Dekade ist sie weltweit als Meisterregisseurin anerkannt worden. Eine Entwicklung, die man in Österreichs Kinos nur begrenzt mitverfolgen konnte: Von Verleihern und Viennale die längste Zeit ignoriert, kamen ihre Filme fast nur in Sonderreihen und einer Filmmuseumsretrospektive auf hiesige Leinwände.

35 Rum ist nun der erste Denis-Film seit ihrer gewaltigen Fremdenlegionärsballade Beau Travail (1999 gedreht, 2002 in Österreich gestartet), der hierzulande anläuft: Vielleicht genau deswegen, weil er ein schwächeres Werk der Regisseurin ist.

 

Soundtrack: Die Tindersticks

In Meisterwerken wie dem Globetrotter-Bildgedicht L'intrus erzählt Denis so elliptisch, dass es enigmatisch wirkt – weswegen die pure Sinnlichkeit der Eindrücke umso kraftvoller gefangen nimmt. Das ist so imposant wie (zunächst) fordernd. Doch nicht nur diese beiden Eigenschaften sind in 35 Rum entschieden minimiert. In unaufgeregten musikalischen Vignetten (Soundtrack, wie öfter bei Denis: die britische Bohemien-Popcombo Tindersticks) wird ein Milieu ausgebreitet, das im europäischen Kino vertraut ist. Der offenbar verwitwete schwarze Zugführer Lionel (Alex Descas) hat in einem Pariser Arbeiterviertel aufopfernd seine Tochter Joséphine (Mati Diop) aufgezogen: Obwohl sie zögern, spüren beide, dass eine Trennung bevorsteht. Ein Studienkollege interessiert sich für Joséphine, ebenso ein eigenartiger junger Nachbar (Grégoire Colin), der seine Wohnung seit dem Tod der Eltern unberührt gelassen hat. Die auch im selben Haus wohnende Taxifahrerin Gabrielle (Nicole Dogue) wiederum ist sichtlich von Lionel angetan. Ein Film über Wandel und Ungewissheit: Die mutierenden Beziehungen werden bis in kleine Nebenhandlungen gespiegelt. Ein anderer Zugführer wird in Pension geschickt, ein Ausflug zur Verwandtschaft von Joséphines Mutter führt überraschend nach Deutschland, zu einem irren Gastauftritt von Ingrid Caven.

 

Tribut an Yasuhirô Ozu

Mit seiner häuslichen Variation auf französische Familienfilme ist 35 Rum von Denis wohl als Tribut an den japanischen Kinogiganten Yasujirô Ozu konzipiert – ihre Betonung von Ozu-Lieblingsmotiven wie Reiskocher, Zügen und alkoholfreudiger Geselligkeit ist augenfällig. Augenscheinlich ist aber auch die zurückgenommene Ambition: Selbst die Geschichte mit den „35 rhums“ des Titels, die Lionel rituell trinkt, hat mehr den Anschein einer kleinen Rätselaufgabe als eines tiefgründigen Mysteriums. Und die melodisch untermalten Fahrten und heimeligen Kompositionen wirken bei aller Schmuckheit manchmal wie Denis auf Autopilot. Aber selbst damit schlägt sie locker einen Gutteil der Konkurrenz, und mittendrin gelingt ihr zumindest eine absolut magische Szene: eine perfekte Choreografie in einer verlassenen Bar zur Ballade „Night-shift“ von den Commodores. Es ist ein Ballett der Blicke und Bewegungen, das wortlos und überwältigend zwischen erotischer Anziehung und eifersüchtiger Liebe pulsiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2010)

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