Dokumentarfilm: Tiramisu-Party zur Angelobung

"Widerstand in Haiderland" – ein Wiedersehen mit bekannten Bildern. Eine Rückschau auf die "Wende", vorwiegend aus Demonstrantensicht.

(c) ORF (Hannes Reisinger)

Soll man zehn Jahre später einen Film über Ereignisse machen, die das Land zwar mehr geprägt haben als 1968, aber erst so kurz zurückliegen, dass man ohnehin noch (fast) alles weiß? Der austro-britische Dokumentarfilmer Frederick Baker hat es zumindest einmal versucht. Mit einer Collage bewegter Bilder, kommentarlos aneinandergereiht – auf der einen Seite die Proteste auf der Straße, auf der anderen Haider und Schüssel bei der Angelobung, Haider in Ried, Haider auf dem Ulrichsberg.

Man sieht Uwe Scheuch, wie er schmunzelnd vor der FPÖ-Zentrale in Wien steht, während die Demonstranten wütend auf das Gebäude einschreien. Man sieht den deutschen Schauspieler Martin Wuttke, heute „Tatort“-Kommissar in Leipzig, wie er auf dem Heldenplatz einen Elfriede-Jelinek-Text über die „Wende“ deklamiert. Und immer wieder amüsant zu sehen: Hubsi Kramer als Adolf Hitler („Ich bin wiederrr hierrr“) auf dem Wiener Opernball.

Eine Kurzversion von Widerstand in Haiderland war Montagabend bereits in der Kulturjournal-Reihe Artgenossen im ORF zu sehen. Die Langversion ist ab Donnerstag, 4.Februar, in den Kinos. Auf den Tag genau zehn Jahre zuvor ist die schwarz-blaue Koalition angelobt worden. „Das war wie eine große Tiramisu-Party – so viele Eier in der Luft“, wie sich der Anti-Schwarz-Blau-Aktivist Luca Faccio erinnert.

 

Menasse: „Schüssel ein Austrofaschist“

Im Zentrum des Films steht, wie nicht anders zu erwarten, die Gefühlswelt der Widerstandsbewegten: von Marlene Streeruwitz („Schüssel hat uns zu Kindern gemacht – eine Entsexualisierung“) über Josef Hader („Österreich ist ein Kind, das sich nach dem starken Mann sehnt“) bis zu Doron Rabinovici und Bernard-Henri Lévy. Gewohnt schwere Geschütze fährt Robert Menasse auf: „Schüssel ist mentalitätsmäßig ein Austrofaschist.“ Die Wiener Innenstadt sei damals zu einem „Loden-Förster-und-Jägermoden-Parcours“ verkommen, auf dem sichdie Bürgerlichen gegenseitig vergewissert hätten, dass sie nun die Macht im Land haben. Aber nicht alle. Eine ältere, sehr bürgerliche Dame erzählt, dass sie bei jeder Donnerstagsdemo mitmarschiert sei, „außer am Gründonnerstag, weil ich bin praktizierende Katholikin“.

Widerstand in Haiderland ist bewusst einseitig gehalten. Der Fokus liegt auf dem Handeln und Denken der „besorgten Bürger“, die Beweggründe von Schüssel, Haider und Co, eine solche Regierung zu bilden, werden nur am Rande verhandelt. Von Koalitionsseite wurden überhaupt nur Andreas Khol für die ÖVP und Reinhard Gaugg für die FPÖ vor die Kamera gebeten. Je stärker diese gewaltbereiten, finsteren Leute aus der Demo-Szene in Erscheinung seien, „desto mehr blühte unser Weizen“, so Khol blumig. Gaugg distanziert sich ein weiteres Mal, durchaus glaubwürdig, von seiner unseligen N.a.z.i.-Buchstabiererei: Dies sei ein „Scherzinterview“ gewesen. Er selbst, Sohn aus einem sozialdemokratischen Haus, habe nie auch nur die geringste Sympathie für die NS-Zeit gehabt oder erkennen lassen. „Mein Herz schlägt links.“

Von den publizistischen Kritikern der Protestbewegung kommt „Die Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker zu Wort: Nur weil eine sozialdemokratische Regierung ende, heiße das ja noch lange nicht, dass auch die Demokratie ende. Wenn man ständig „Widerstand, Widerstand!“ skandiere, suggeriere man, dass das Gegenüber ein totalitäres System sei. „Das war eine unglaubliche Übertreibung.“

 

Haider folgt auf Hitler

Doch auch der Filmemacher ist diesem Denken verhaftet: Einer Haider-Rede wird eine Hitler-Rede gegenübergestellt. Wohl um den Zusammenhang zu verdeutlichen. Ein Zusammenhang allerdings, den Jörg Haider viele Jahre auch selbst heraufbeschwor. Durch jene provokanten Sager, die ihn im Im- und Ausland zur diabolischen Gestalt werden ließen, Zitate, die auch in Widerstand in Haiderland immer wieder eingestreut werden. Entlarvt soll allerdings auch die Schüssel-ÖVP werden. Dafür bedient man sich dann siegestrunkener JVP-Funktionäre, die nach dem Wahltriumph 2002 im offenen Wagen durch die Stadt kurven und dabei „Und wir ha-ben ein Idol – Wolfgang Schüüü-ssel!“ singen.

Frederick Baker hat sich sehr intensiv mit der „Wende“ und vor allem dem Protest, den diese hervorrief, auseinandergesetzt. Sein 97-Minuten-Kinofilm hat nur ein Problem: Er ist zu langatmig und damit auch ein wenig langweilig. Das waren jene Tage des Jahres 2000 nicht.

ZUR PERSON: F.Baker

Frederick Baker, 1965 in Salzburg geboren, studierte Anthropologie und Archäologie in Sheffield, Tübingen und Cambridge. Er arbeitet für BBC und ORF, lebt in London und Wien. Die Anti-Schwarz-Blau-Bewegung begleitete er für die BBC und den „Independent“. Eine Auswahl aus seiner Filmografie: „Romy Schneider – Eine Frau in drei Noten“, „Stalin – Red God“, „The Haider Show“, „The German Giant – Helmut Kohl“, „Magic Latern: Vaclav Havel“, „Deutschland, Deutschland“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2010)

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