Diagonale: Austro-Film im Schaufenster

Das Krimi-Kammerspiel „Der Kameramörder“ eröffnete am Dienstag in Graz das Festival des heimischen Films. Klaus Maria Brandauer erhielt den Großen Preis.

(c) Thimfilm

Nach dem österreichweiten Oscar-Trubel markiert der Beginn des Filmfestivals Diagonale in Graz einen Übergang zum Normalzustand: Unabhängig von tagesaktuellen Erfolgstrends ist das Festival des österreichischen Films unersetzlicher Branchentreff und Schaufenster der heimischen Jahresproduktion. Deren Dichte belegen schon die Zahlen: 147 Filme und Videoszeigt die Diagonale 2010. Inwiefern auch die künstlerische Vielfalt breiter wahrgenommen wird, ist eine andere Frage. Michael Hanekes Das weiße Band, der deutsch-österreichische Prestigefilm des Vorjahres, brachte es hierzulande unlängst auf 100.000 Besucher – das ist mehr als respektabel für Kunstkino.

Ein anderer eben prämierter Film hat das Festival am Dienstag eröffnet: Der Kameramörder von Robert Adrian-Pejo erhielt bei der Premiere im Februar den Regiepreis der Ungarischen Filmwoche. Die Vorlage, ein origineller Kriminalroman von Thomas Glavinic, spielte in der Südsteiermark, im Film ist ein Haus am Neusiedlersee, jenseits der ungarischen Grenze, der pittoreske Schauplatz. Das Wochenendtreffen zweier Paare wird schnell zur psychologischen Studie mit misstrauischem Figurenquartett: Kaum sind die Gäste eingetroffen, weckt ein Tango Erinnerungen und Eifersuchtsgefühle. Das Verschwinden von Kindern aus der Nachbarschaft überschattet die Ereignisse.

Adrian-Pejo hat Glavinics Buch mit seinem besessen protokollierenden Ich-Erzähler und in entsprechender Form kaum kinogerecht umzusetzender Medienkritik geschickt zum konventionelleren Genrestück umgestaltet: Das Auftauchen eines verstörenden Videos mit den Kindern hält die Gesellschaft in Atem, einer der Besucher (Andreas Lust) hat sich schon vorher zur Sucht nach tödlichen Snuff-Videos im Internet bekannt. Während nebenbei, ganz selbstverständlich, Unmengen von Alkohol fließen, geraten die Sicherheiten ins Wanken: Zwischen Gesellschaftsspielen, Todesbildern und Gefühlsstau entwirft Pejo mit stilisierten Dialogen und Bildern ein Krimi-Kammerspiel, das die Hintergründigkeit der Vorlage gegen eine glattere, durchaus fesselnde Abgründigkeit tauscht.

Andreas Lust, der eben im ungewöhnlichen Austro-Actionfilm Der Räuber des Deutschen Benjamin Heisenberg mit Franziska Weisz beeindruckte, wirkt damit heuer wie das Gesicht zu einer Welle einigermaßen ambitionierter Genreversuche. Als Koproduktion ist Der Kameramörder eben keineswegs allein im Diagonale-Programm – sogar Ungarns Altmeister Miklos Jancsó stellt eine Arbeit vor: Und passenderweise findet in Zeiten sich wandelnder Förderstrukturen in Europa auch parallel zum Festival die 24. Länderfördertagung statt.

 

Ein Höhepunkt: „King Kongs Tränen“

Dabei verblüfft nach wie vor schon die Bandbreite des rein heimischen Kinos: Vom leidenschaftlich-surrealen Kunstbetrieb-Exorzismus King Kongs Tränen von und mit Peter Kern – ein Höhepunkt der Diagonale-Premieren – über den heiter-philosophischen Animationskurzfilm Mystery Music vom genialen Zeichner Nicolas Mahler zu einer Vielzahl bemerkenswerter Avantgarde-Arbeiten. Tatsächlich hat die Diagonale, obwohl Intendantin Barbara Pichler auch im zweiten Jahr auf Auslese setzt, ein Platzproblem: So gedrängt ist das Programm, dass sich etwa die durchwegs sensationellen Retrospektiven (zu Peter Schreiner, Mansur Madavi, Günter Krampf und – siehe unten – Romuald Karmakar) teils hoffnungslos überschneiden. Eine Verlängerung um einen Tag könnte Abhilfe schaffen, ist aber angesichts gekürzter Mittel kaum machbar: Da könnten Förderstellen auch unabhängig von Erfolgstrends ein Zeichen setzen.

Siehe auch: Porträt Franziska Weisz, S. 14

AUF EINEN BLICK

Die Diagonale in Graz eröffnete am Dienstagabend mit dem Krimi-Kammerspiel „Der Kameramörder“ und der Vergabe der Schauspielerpreise: Den Großen Preis erhielt Klaus Maria Brandauer. Das Festival des Österreichischen Films geht bis Sonntag, den 21.3. In vier Kinos werden 147 Filme und Videos gezeigt, darunter 31 Uraufführungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2010)

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