Direktor Christoph Waltz leitet einen faden Zirkus

Christoph Waltz und eine entzückende Elefantenkuh sind die einzigen Attraktionen der neuen Historienschmonzette „Wasser für Elefanten“, aus Hollywood. Ein lahmer Zirkusfilm in grausigem Rostorange.

(c) Centfox

Der Zirkus war immer schon ein Lieblingsort des Kinos: Zwischen Menschen, Tieren und anderen Sensationen lassen sich die Komplexitäten des Lebens auf eine extravagante Schau zusammenpressen. Die Besucher flirten mit den aufgebotenen Exotismen, von tanzenden Elefanten bis zu kleinwüchsigen Akrobaten, während im Zirkusvolk die Emotionen explodieren: Auch hier wird gelebt, geliebt und gestritten wie da draußen. Es ist halt alles ein bisserl bunter. Unter der Kuppel, in den Manegen des Kinos, treffen sich die Ausgestoßenen und Abgedrängten. Kein Film beschreibt dieses Soziotop treffender und schmerzlicher als Tod Brownings Schauerdrama Freaks (1932): Im heruntergekommenen, aber erfolgreichen Wanderzirkus voller deformierter Artisten beschwört der Regisseur den Zusammenhalt innerhalb dieser „Freaks“: Will man von ihnen akzeptiert werden, muss man einen Initiationsritus mitmachen, der mit den Sätzen „Wir akzeptieren dich. Einer von uns!“ endet.

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Kunststaub in der aseptischen Manege

Von solchen Traditionen des Unartigen und Abartigen will Francis Lawrence nichts wissen: Sein Liebesdrama Wasser für die Elefanten begreift den Zirkus nicht mehr als Versuchsgelände für progressive Gesellschaftsvisionen, als zärtliche Utopie, sondern als Stadel für eine Historienschmonzette. In kräftigen Farben kommt dieser Film daher, will aussehen wie ein Technicolor-Epos der 1950er. Alles beginnt mit einem alten Mann (eine Kleinstrolle für den großen Hal Holbrook) in der Gegenwart, der sich, im Regen vor dem Zirkuszelt, an seine Vergangenheit erinnert: Wie er (in der jüngeren Version: Robert Pattinson) seine Eltern bei einem Autounfall verliert, während die Große Depression der 1930er wütet und die Hoffnungen verkümmern. Wie er anschließend die prestigeträchtige Ausbildung zum Tierarzt an der Cornell-Universität an den Nagel hängt und sich selbst entwurzelt. Wie er mitten in der Nacht auf einen fahrenden Zug aufspringt und erst dann bemerkt, dass die Waggons einen tourenden Zirkus beherbergen.

In natürlichen Braun- und warmen Orangetönen schwelgt Wasser für die Elefanten, will einem vermitteln, wie geerdet und bodenständig und hart dieses Leben ist. Aber all der Schmutz ist bloße Behauptung: Selten hat man einen Film-Zirkus gesehen, der so sauber daherkommt und so aseptisch wirkt. Man fühlt förmlich die Kulissendekorateure, wie sie den Kunststaub und den Kunstgrind in alle Ecken spritzen und schmieren, eben weil am Rest der Geschichte so überhaupt nichts dreckig ist. Dabei gibt sich Christoph Waltz sogar große Mühe, als in zynischen Stehsätzen badender, passiv-aggressiver Zirkusdirektor August Rosenbluth ein wenig Unberechenbarkeit und Gefahr mit ins Spiel zu bringen. Als Zampano paradiert er durch das Zelt, gibt sich im einen Moment volksnah und verständnisvoll, nur um im nächsten seine Macht demonstrieren zu können. Waltz legt diesen Rosenbluth ähnlich ambivalent an wie seinen „Judenjäger“ Hans Landa aus Inglourious Basterds: mit stechenden Augen und steifem Körper thront er über dem Geschehen, während seine Sätze im Waltz-typischen Singsang durch die Manege hallen.

Mit seiner extravaganten Physis und Phonetik erinnert Waltz mittlerweile an einen anderen Österreicher (eigentlich: Österreich-Ungarn) in Hollywood, den legendären Peter Lorre. Wie der läuft auch Waltz Gefahr, vom Hollywood-System zum Phänotyp hochgezüchtet zu werden, um dann immer und immer wieder dieselben Rollen übernehmen zu können. Oder zu müssen.

 

Langatmige Romanze der Stars

In Wasser für die Elefanten spielt Waltz – von der entzückenden Elefantenkuh Rosie einmal abgesehen – dennoch die menschlichste aller Figuren: Denn die langatmige Romanze zwischen Erzählerfigur Jacob und Rosenbluths fescher Ehefrau Marlena (unterfordert: Reese Witherspoon) soll zwar laut Drehbuch für Aufregung sorgen, läuft sich allerdings zu schnell in Leidenschafts-Blaupausen (heimliche Liebe, entfesselte Eifersucht) tot. Übrig bleiben nicht mehr als ein Hauch von Intensität und das Wissen, dass dieser Zirkusfilm mit den Freaks, den Ausgestoßenen und Abgefallenen nichts am Hut hat. Diese Manege gehört der Durchschnittsschönheit, die in grausigem Rostorange gen Normalität strebt.

Zur Person

Christoph Waltz (*1956, Wien) ist durch seine mit dem Oscar prämierte Darstellung eines schurkischen SS-Manns in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009) plötzlich zum Star geworden: Der Durchbruch nach langen Jahren vor allem mit TV-Rollen (u.a. in der Titelrolle der „Roy Black Story“, 1996). Seither ist Waltz in Hollywood gefragt, Anfang des Jahres sah man ihn als Bösewicht in „Green Hornet“, im Herbst folgt eine Neuauflage von „Die drei Musketiere“ mit Waltz als Kardinal Richelieu, dann übernimmt er eine Hauptrolle in Roman Polanskis „Gott des Gemetzels“.

Die Staatsbürgerschaft hat Waltz sowohl von Deutschland wie Österreich. Aus Österreich kämen bessere Filme, sagte er neulich, obgleich es in Deutschland „proportional mehr Talente“ gebe. „Ich denke nicht, dass man das so pauschal sagen kann – aber ich tu's.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2011)

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