Malicks Filmwunder: „Dort lebt Gott!“

Der Cannes-Siegerfilm von Hollywoods mysteriösem Ausnahmeregisseur Terrence Malick kommt am Freitag in die Kinos: eine kosmische Familiensaga mit Brad Pitt als bildgewaltiges und philosophisches Epos.

(c) Filmladen

Als Hollywoods „Mystery Man“ geistert Ausnahmeregisseur Terrence Malick dieser Tage durch die Medien, nachdem der notorisch öffentlichkeitsscheue Filmemacher im Mai seine Produzenten die Goldene Palme beim Filmfestival Cannes abholen ließ (selbst zur Filmpremiere hatte er dort nur den Kopf in den Saal gesteckt). Aber Malick kann sich so etwas leisten, sogar das Verweigern von Interviews seit Dekaden: In knapp vier Jahrzehnten hat dieser Solitär des US-Kinos nur fünf Spielfilme realisiert – aber jeder davon ist ein Ereignis.

Verblüffend sind dabei nicht nur Malicks ungewöhnlicher Ansatz und seine persönliche, überbordend lyrische Filmsprache. Verblüffend ist vor allem, dass er seine ausufernden Entwürfe in einer Traumfabrik umsetzen kann, die solche artistische Ambition mittlerweile kaum noch duldet. Mit The Tree of Life scheint Malick nun sogar sein bisheriges Werk an Monumentalität übertreffen zu wollen: Schon immer ging es bei ihm um die Balance zwischen den Figuren und kosmischen Fragen – diesmal ist das wörtlich zu nehmen. Die Handlung beginnt damit, dass das Ehepaar O'Brien (Brad Pitt und Jessica Chastain) eine Nachricht erhält und verzweifelt – augenscheinlich über den Tod eines ihrer Söhne. Und dann kommt die nach der Cannes-Premiere des Films zu sofortiger Berühmtheit gelangte Rückblende: In den Kosmos, zum Urknall – woraufhin Malick in einer gut halbstündigen Bildersymphonie der Entstehung des Lebens folgt.

 

Dinosaurierkoloss mit klaffender Wunde

Die Bildung der Einzeller, die ersten Amphibien, die Dinosaurier (die Effekte sind von Douglas Trumbull, dem legendären Spezialisten, der schon an Kubricks 2001 arbeitete). Ein Dino-Koloss liegt zum Sonnenuntergang am Strand, in seiner Seite eine klaffende, wohl tödliche Wunde, und dreht den Kopf: wie ein Bild für diesen gewaltigen, verwirrenden Film – eine Großproduktion als gewagtes Experiment. Den symphonischen Stil behält Malick bei, als er zur eigentlichen Erzählung zurückkehrt. Lang vor der anfänglichen Todesnachricht schildert er das Leben der O'Briens in den 1950ern in Waco, Texas, der Heimat des 1943 geborenen Regisseurs: als poetische Beschwörung einer Kindheit, als Ode an eine versunkene Welt.

Klassische Musik von Mahler bis Bach wogt, Dialoge sind größtenteils durch raunende, körperlose Stimmen ersetzt: Malick und seine fünf Cutter steigern sich in einen rauschhaften audiovisuellen Bewusstseinsstrom, eine Montage-Rhapsodie, deren Sprünge durch die (von Malick weidlich genutzten) neueren digitalen Schnittverfahren möglich sind. In Erinnerungsschüben zieht eine Jugend vorüber, deren Details und Empfindungen spürbar erlebt sind: Narrativ bleibt bewusst einiges unklar, wichtiger ist die Stimmigkeit der Eindrücke. Manche sind magische Momente, wie sie im Geiste retrospektiv verklärt werden. Einmal levitiert die Mutter unerklärt im Garten, aber nicht weniger unglaublich ist die Szene, in der sie einen (echten) Schmetterling streichelt. Anderswo werden die Kinder erstmals mit Tod, Armut oder Sexualität konfrontiert: The Tree of Life ist ein Entwicklungsroman, doch einer, der ständig seine Grenzen sprengt.

Die O'Briens versuchen ihr Leben über das Wechselspiel von Natur und Gnade zu verstehen. Die Eltern scheinen beide Seiten der These zu verkörpern: Brad Pitt, exzellent als gestrenger Patriarch mit unerwartet musischer Seite, verschreibt sich dem Erfolgsprinzip der Eisenhower-Ära als Recht des Stärkeren und predigt es seinen Kindern, dagegen steht die Santfmut von Jessica Chastains berückend ätherischer Mutter. (Kostar Sean Penn ist dagegen Malicks berüchtigtem Schnittprozess zum Opfer gefallen: Als erwachsener Sohn der O'Briens hat er ein paar Sinnsucherszenen, in denen er zwischen urbanen Skylines oder in modernen Glasbüros herumirrt und sich schließlich an einem mythischen Strand aussöhnt.)

Doch Malicks vielschichtiges, bildgewaltiges Assoziationsmosaik lässt sich auf einfache Interpretationen nicht festlegen: So mag der Film manchmal wie eine Erinnerung von Penns Figur wirken, aber das greift ebenso zu kurz wie ein rein religiöser Ansatz. The Tree of Life beginnt zwar mit einem Zitat aus dem Buch Hiob und hat eine atemberaubende Szene, als die Mutter nur zum Himmel deutet und sagt: „Dort lebt Gott!“

 

Zwischen Heidegger und Wittgenstein

Diese christlichen Züge sind aber ebenfalls in ein größeres, im Kern eher pantheistisch anmutendes Konzept eingebettet: Dabei erlaubt sich der Philosophieprofessor Malick (sein Heidegger-Faible prägt den Film mit, und das muss man auch aushalten) einiges an Pathos, aber das scheint nur angemessen. Dem Wunder der Welt wird nur der Versuch gerecht, ein Filmwunder zu schaffen. Ein anderer Lieblingsdenker Malicks ist Ludwig Wittgenstein. The Tree of Life ist auch wie die filmische Umsetzung von Satz 6522 in dessen Tractatus logico-philosophicus: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)

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