Kino: Die Revolte der Affen beginnt mit einem "Nein!"

Mit "Planet der Affen: Prevolution" entwickelt Regisseur Rupert Wyatt einen warnenden Öko-Thriller, der inhaltlich gelungen und technisch revolutionär an das Original anknüpft. Ein sehenswerter Blockbuster.

Kino Revolte Affen beginnt
Kino Revolte Affen beginnt
Twentieth Century Fox – (c) Dapd (Twentieth Century Fox)

Es ist ausgerechnet die Freiheitsstatue, die dem Astronauten Taylor (Charlton Heston) das Ende der modernen Menschheit zeigt. Bis zur Brust ragt sie aus dem Sand, die gen Himmel gereckte Fackel und die Krone sind von Rost und Gezeiten zerfressen: ein Artefakt einer längst vergangenen Zeit, eine Erinnerung an die Welt vor dem nuklearen Holocaust. Die Schlusssequenz aus Franklin J. Schaffners legendärer Science-Fiction-Dystopie „Planet der Affen“ (1968) hat sich im popkulturellen Gedächtnis eingenistet. In zwei Stunden entwirft der Film die verstörende Fantasie einer invertierten Zukunftszivilisation, in der Affen über die in Habitus, Aussehen und Verstand in die Steinzeit zurückkatapultierten, der Sprache nicht mächtigen Menschen herrschen, sie als wissenschaftliche Forschungsobjekte und Arbeitssklaven heranzüchten.

 

Von der Hybris der Zivilisation...

Wenn dieser Tage im unglücklich betitelten „Planet der Affen: Prevolution“ (Original: „Rise of the Planet of the Apes“) die Ursprünge dieses Weltumsturzes erzählt werden, dann errichtet Regisseur Rupert Wyatt seinen sehenswerten Blockbuster auf ebendiesem Schlüsselbild vom schreienden, verzweifelten Charlton Heston, der vor dem Symbol menschlicher Endlichkeit, umspült vom unendlichen Meer, in die Knie geht. „Planet der Affen“, entwickelt aus Pierre Boulles futuristischem Roman und angelehnt an Orwells „Animal Farm“, entwickelte sich während der ausgehenden Sechzigerjahre schnell zum weltweiten Phänomen: Den Produzenten glückte eine so zeitgeistige wie universelle Parabel auf zivilisatorische Hybris, untermauert von John Chambers' Affen-Make-up und Jerry Goldsmiths aggressiv-vormoderner Musik.

„Planet der Affen“ wird wegen seiner zivilisationskritischen Handlung und dem von „Twilight Zone“-Autor Rod Serling erdachten Twist-Finale auch zu einem Lieblingsfilm der Hippie-Bewegung. Tatsächlich aber war Schaffners düstere Vision primär als Rettungsschirm für das angeschlagene Großstudio Fox geplant, das sich zuvor mit aufgeblasenen Edel-Musicals und All-Star-Vehikeln gen Bankrott produziert hatte. In rasanter Abfolge entstanden danach bis 1974 vier weitere Affenfilme sowie eine Fernsehserie. Actionfiguren verkauften sich wie warme Semmeln, die Merchandising-Maschine produzierte Bettwäsche, Leiberln, Plüschfiguren und Dutzende andere Artikel. All das ein knappes Jahrzehnt vor George Lucas' „Krieg der Sterne“.

Im neuen Jahrtausend wurde schon einmal versucht, den Mythos wiederzubeleben: Tim Burtons nutzlose Monsterproduktion „Planet der Affen“ (2001) lockte mit barocken Action-Sequenzen und aufsehenerregenden Set-Designs, war allerdings mehr Travestieshow denn zeitgeistige Neudeutung des Originals. „Planet der Affen: Prevolution“ geht einen Schritt weiter, indem Regisseur Wyatt mehrere Jahrhunderte zurückreist: Der junge Starwissenschaftler Will Rodman (perfekt besetzt: James Franco) forscht im Auftrag eines Pharmakonzerns nach einem Heilmittel für Alterskrankheiten des Gehirns. Sein revolutionärer Gencocktail pusht zwar die Intelligenz der Laborschimpansen, nach einem Unfall wird das Projekt allerdings als beendet erklärt.

Rodman nimmt das einzige überlebende, erst wenige Tage alte Tier mit in sein Haus, das er mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater (John Lithgow) bewohnt. Über die nächsten Jahre entwickelt der – nomen est omen! – auf „Cäsar“ getaufte, hyperintelligente Schimpanse erstaunliche, menschenähnliche Fähigkeiten. Aber als er eines Tages einen Nachbarn attackiert, wird er per Gerichtsbescheid in ein Tierheim gesperrt. Unter der physischen und psychischen Gewalt der Pfleger (darunter Tom Felton, der „Draco Malfoy“ aus den Potter-Filmen) leidend, solidarisiert sich Cäsar bald mit den anderen Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas, bringt ihnen basale Kommunikation bei und plant den Aufstand. Neben Boulles Roman orientiert sich Rupert Wyatt deutlich am vierten Teil der klassischen Filmreihe: in „Eroberung vom Planet der Affen“ (1972) erzählt Regisseur J. Lee Thompson in drastischen Bildern von der Unterdrückung der Affen-Intelligenzija durch den Menschen und seine Institutionen. In Gefängnisse gepfercht, müssen die Säugetiere niedere Aufgaben erfüllen, sind tagtäglich Folter ausgesetzt, bis sich Cäsar zum Revolutionär aufschwingt.

 

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Wenngleich der aktuelle Film eine ähnliche Geschichte erzählt, sind die Unterschiede doch auffälliger als die Gemeinsamkeiten: Anstatt die Affen anthropomorph zu zeichnen, werden sie in „Planet der Affen: Prevolution“ mittels revolutionärer Motion-Capture-Tricktechnik (Cäsar wird gespielt von „Gollum“ Andy Serkis) eher als organische Weiterentwicklungen der Tiere präsentiert. Anstatt wie im Original den Habitus der Menschen inklusive ihrer Hierarchien in die Affengesellschaft zu kopieren, führt im aktuellen Film der erste Weg der aufständischen Affen über die Golden Gate Bridge hinein in das Muir-Wood-Naturschutzgebiet mit seinen gigantischen Mammutbäumen. „Planet der Affen: Prevolution“ ist also weniger zeitgeistiger Kommentar denn warnender Öko-Thriller, der mehr als nur einmal an James Camerons universalistisches 3-D-Märchen „Avatar“ denken lässt.

Wyatt gelingt es, den Mythos vom Affenmenschen/Menschenaffen auf neue Beine zu stellen, ohne dabei das Original zu ignorieren. In einer bemerkenswerten Sequenz brüllt Cäsar den Menschen ein „Nein!“ entgegen und knüpft damit Verbindungslinien zu den früheren Filmen: In „Planet der Affen“ erlangt der verletzungsbedingt verstummte Taylor seine Stimme wieder und schreit den legendären Satz: „Nimm deine verdammten Dreckspfoten weg, du stinkender Affe!“ Im dritten Film ist es Affenraumfahrer Cornelius, der sich mit einem „Nein!“ gegen die Misshandlungen auflehnt. Widerstand als Zeichen der Bewusstwerdung: das Konzept zivilen Ungehorsams, das zur Zeit der originalen Affenfilme auf den Straßen in die Tat umgesetzt wurde. Ich wehre mich, also bin ich. Ob Affe oder Mensch, ist da schon zweitrangig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2011)

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