„Michael“: Die Perversion, eingekesselt von Normalität

Markus Schleinzer erweist sich in seiner ersten Inszenierung, „Michael“, als intelligenter Dialektiker, sein Geschichte pendelt rhythmisiert zwischen zwei Polen. Dramaturgisch steuert Michael auf den Kollaps zu.

(c) geyrhalterfilm

Ein Unsichtbarer in seiner Festung. Die Rollläden fahren runter, die Schlösser sind versperrt. Mit einer Reihe von starren Einstellungen führt Markus Schleinzer ein in die Welt von Michael. Ein unscheinbarer Versicherungsangestellter, der im Keller seines Einfamilienhauses den zehnjährigen Wolfgang (David Rauchenberger) gefangen hält. Die versteckte Perversion wird von erstickender, behaupteter Normalität eingekesselt: Seinen Kollegen ist Michael (eine Sensation: Michael Fuith) ein guter Kumpel, seinem Chef ein verantwortungsvoller Arbeiter, der eine Beförderung verdient hat. Ein Mensch, den man schnell wieder vergisst. Für Wolfgang kocht er abends auf, spielt den Fürsorger und Ersatzvater. Die grausige Paradoxie ihres Zusammenlebens nagelt Schleinzer in einer bemerkenswerten Sequenz fest: Während eines Essens holt Michael seinen Penis aus der Hose, nimmt ein Buttermesser in die Hand und fragt den Buben: „Das ist mein Messer und das ist mein Schwanz. Was soll ich dir reinstecken?“ Wolfgang antwortet: „Das Messer.“
In seiner Inszenierung erweist sich der Regiedebütant als intelligenter Dialektiker, sein Geschichtenentwurf pendelt streng rhythmisiert zwischen zwei Polen. Die trügerische Normalität der Beziehung zwischen Täter und Opfer kontrastiert Schleinzer mit einer fühlbaren Anspannung Michaels, wann immer er das Haus verlassen muss. Ist anfangs noch alles austariert, wird Michaels Lebenslügengebilde bald immer fragiler: Eine Arbeitskollegin, die unangemeldet auf Besuch kommt, schmeißt er brutal auf die Straße. Und auch Wolfgang probt den Aufstand, versucht zu entkommen. Dramaturgisch steuert Michael daher auf den Kollaps zu: Man weiß, dass die Lüge auffliegen, dass die Festung fallen wird. Dass man gewillt ist, Michael bis zum Ende zu begleiten, ist die größte Leistung dieses Films. mak

Kommentar zu Artikel:

„Michael“: Die Perversion, eingekesselt von Normalität

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen