Melancholie und Major Tom

Von Triers Weltuntergangsballade „Melancholia“ sucht die große Depression im Weltall und erhebt diese zur kosmischen Dimensionen. William Shatner ist ihm auf seiner neuen Platte weit voraus.

(c) Dapd (Concorde Filmverleih)

Das Ende ist nicht nur nah, es ist unvermeidlich. So viel ist sicher, noch bevor der Titelschriftzug in Lars von Triers neuem Film erscheint: Melancholiasteht unter dem Namen des Regisseurs, wie hastig hingekrakelt – wie im Vorgängerfilm Antichrist, in dem von Trier seine Depression abarbeitete. Diesmal erhebt er sie zu kosmischen Dimensionen: Als Vorspiel gibt es zur Ouvertüre von Wagners „Tristan und Isolde“ artifizielle, opulente Digitalrechner-Bilder in Superzeitlupe. Einige Hauptfiguren schweben durch den Park vor einer Villa, den einzigen Schauplätzen des Films: Ein Pferd versinkt im versumpften Golfplatz, Schlingpflanzen umfangen die Glieder einer Braut.

Wie schon in Antichrist ist der Vorspann eine Art abstrahierte Zusammenfassung des Kommenden, schmuck stilisiert wie eine Werbefotostrecke. Das depressive Sujet als prätentiös symbolschwere, dabei banal offensichtliche Vision: In zwischengeschnittenen Weltraumbildern nähert sich ein zweiter Planet – namens Melancholia, wie später zu erfahren ist – der Erde, bis es zur unvermeidlichen Kollision kommt. Es ist die einzige genuin poetische Idee im Film: Das Aufblitzen der Apokalypse wirkt wie durch einen Kuss der beiden Himmelskörper erzeugt.

Die restlichen zwei Stunden des Films sind wie eine enttäuschende Erklärung dazu: Die erste Hälfte rekapituliert den dänischen Dogma-Film Das Fest mit internationalen Stars (Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, Charlotte Rampling, einem viel zu kurzen, weil wirklich lustigen Auftritt Udo Kiers) als breites Bauerntheater: Eine Luxushochzeit – das Brautpaar verspätet sich, weil die lange Limousine auf der Kurvenstraße zur Villa nicht wenden kann – endet im Desaster, als die Depression der Braut (Kirsten Dunst) zur Eskalation von Familienzwistigkeiten führt. In der zweiten Hälfte sitzen die Verbleibenden herum – Dunst legt sich einmal gar in üppiger Nacktheit ins Schilf, als wär's ein 1970er-Sexfilm – und warten auf das Ende durch den Planeten Melancholia.

 

Shatner sucht die „Space Oddity“

Von Triers typische Mischung aus Unernst und Bedeutungsschwere strebt Größenwahn an, kokettiert mit den Wurzeln von Melancholie und Romantik, um sie dann aber im Kurzschluss mit der Außenwelt zu trivialisieren – im Gegensatz zu einem eben erschienenen Album über Weltraum und Melancholie von einem Mann, der Größenwahn mit Selbstironie zur eigenen Kunstform gemacht hat: William Shatner, als originaler Captain Kirk bei Star Trek ohnehin thematisch überqualifiziert. Shatners seltsame Zweitkarriere als Sänger – genauer gesagt: als Poprezitator mit übertriebener Shakespeare-Darsteller-Attitüde – hat nun mit der Doppel-CD „Seeking Major Tom“ den logischen Höhepunkt erreicht. Nicht nur seine berüchtigte Interpretation von Elton Johns „Rocket Man“ von 1978 wird hier in Neuaufnahme verfeinert, sondern die ganze Platte kreist um die „Space Oddity“, die David Bowie einst besang: Der Astronaut Major Tom kappt nach erfolgreichem Start den Kontakt zur Bodenstation und entschwebt ins Weltall. Shatner covert neben Bowies Song zahlreiche Pop-Weiterschreibungen wie „Rocket Man“, Peter Schillings „Völlig losgelöst“ (auf Englisch: „Earth below us/Drifting/Falling“) oder die obskure Reintpertretation aus weiblicher Perspektive: „Mrs. Major Tom“.

Wo von Triers postmoderner Zitat-Pop nicht weit genug geht, kennt Shatner keine Kompromisse. Er schlüpft mit einmal zitternder, einmal dräuender Stimme in die Rolle von Major Tom: die Melancholie des Glamrock-Stars, der sich im Videoclip zur Single-Auskopplung „Bohemian Rhapsody“ kurzerhand selbst zum Planeten erklärt. Zwei Teenager blicken zum Himmel, die Sterne formen ein Gesicht: „Oh my god, it's William Shatner.“ Wenn von Trier das sieht, wird er vermutlich ganz melancholisch werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2011)

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