Shakespeare-Film gerät Emmerich zum Kostümschmarren

Außer hübscher Ausstattung hat „Anonymous“ nur eine Verschwörung im Geist des „Da Vinci Codes“ zu bieten. Mit „Anonymous“ bricht er eine Lanze für die „Oxford-Theorie“.

(c) Sony

Wer schrieb Shakespeares Stücke? Die gern debattierte Frage wird nun filmisch illustriert: Roland Emmerich, für seine übereifrigen Hollywood-Blockbuster gern „Spielbergle“ genannt, hat eine aufsehenerregende Abkehr vom Action-Dauerfeuer zum Kostümfilm vollzogen. Mit „Anonymous“ bricht er eine Lanze für die „Oxford-Theorie“: Ein so wenig gebildeter Schauspieler wie dieser Shakespeare aus Stratford-on-Avon könne nicht solche Meisterwerke verfasst haben, dazu brauchte es ein aristokratischeres Gemüt – wie Edward de Vere, den 17. Earl von Oxford.

 

Keine Rücksicht auf historische Fakten

So eilt der renommierte Shakespeare-Mime (und „Oxfordianer“) Derek Jacobi zu Filmbeginn in ein Broadway-Theater, um das p.t. Publikum auf die Enthüllungen einzustimmen: In manchmal verwirrenden Zeitsprüngen geht es durch die elisabethanische Ära, wobei die Parallelen zwischen Oxfords Leben und Shakespeares Stücken herausgearbeitet werden. Trotz großen Rechercheaufwands (Drehbuch: John Orloff) wird mit historischen Fakten Schindluder getrieben – so geistert Shakespeares Zeitgenosse Christopher Marlowe noch fünf Jahre nach seinem Tod durchs Bild. Auch abgesehen davon ist es sinnlos, sich mit der Story von „Anonymous“ eingehender auseinanderzusetzen, denn kein Mensch würde auch nur eine oberflächliche Zusammenfassung glauben: Als Mann des Populismus präsentiert Emmerich seine Shakespeare-Verschwörung im Geiste, den „Da Vinci Code“ übertreffen zu müssen – bis dato von Historikern ungeahnte königliche Inzest ist da nur die Spitze des Eisbergs.

So müssen sich die Stratfordianer nicht erregen, dass der Schauspieler Bill Shakespeare (gespielt von Rafe Spall) als kompletter Tölpel und B'suff karikiert wird: Vielmehr haben Vorreiter der These von Shakespeares Echtheit schon erkannt, dass dieser Film ihnen eigentlich in die Hände spielt. Mit seinen grellen Übertreibungen ist er eher eine tödliche Parodie der Oxford-Theorie. Aber letztlich hat „Anonymous“ mit ernsthafter Shakespeare-Debatte soviel zu tun, wie Emmerichs Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ mit seinem erklärten Thema, dem Klimawandel. Ansonsten ist es ein hübsch ausgestatteter, teils – von Vanessa Redgrave als Queen Elizabeth bis zu Rhys Ifans als de Vere – hingebungsvoll gespielter Schmarren. hub

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)

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