„Huhn mit Pflaumen“: Impressionen aus dem Iran

Fünf Jahre nach dem Welterfolg von "Persepolis" wagt sich das Regieduo Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud erneut an die Verfilmung einer Graphic Novel von Satrapi. Diesmal mit echten Darstellern.

(c) EPA (Daniel Deme)

Ein Blick in die weit aufgerissenen Augen des Geigers Nasser-Ali (Matthieu Amalric) reicht, um zu wissen: In diesem Mann mischen sich Getriebenheit, Melancholie und kindliche Naivität zu einem gefährlichen Cocktail. Er liebt seine Violine mehr als seine Frau Faringuisse, eine perfektionistische Nervensäge (Maria de Medeiros). Auch als Vater wirkt er wie ein zerstreuter Statist.

Die unerfüllte Jugendliebe zur schönen Irane (Golshifteh Farahani) hat Nasser-Alis Geigenspiel die entscheidende leidenschaftliche Note gegeben, hat ihn zum größten Geiger seiner Zeit werden lassen. Als seine Frau im Streit seine Violine zerbricht und auch die Stradivari des mysteriösen Händlers Houshang (Jamel Debouze) den Zauber seines Spiels nicht erneuern kann, legt sich Nasser-Ali ins Bett und beschließt zu sterben. Zuvor begibt er sich auf eine Gedankenreise durch sein Leben. Die Realität vermischt sich dabei mit seinen Träumen, Fantasien, Ängsten, es gibt auch Zeitsprünge in die Zukunft seiner Kinder. Das Regieduo Satrapi und Paronnaud nähert sich jedem dieser filmischen Puzzleteile mit einer anderen Stilform, verschränkt dabei gekonnt Elemente von Animation und Realfilm. Huhn mit Pflaumen ist zugleich bunt überzeichnete Groteske, melancholisches Märchen und kafkaesk-surreales Traumszenario.

 

Schwarzgesichtiger Todesengel

Da treibt etwa der schelmisch grinsende, schwarzgesichtige Todesengel Azrael sein Unwesen mit dem lebensmüden Nasser-Ali. Die Rauchschwaden aus dem Zigarillo seiner dominant-exzentrischen Mutter Parvine (Isabella Rossellini) bewegen sich wie ein lebendes Wesen durch den Garten. Eine Schneeflocke, nach der die Tochter hascht, Landschaftshintergründe sind selten real, sondern wirken wie gemalt. Film als Erkundung des Imaginären, als eine Kreuzung von „Der Zauberer von Oz“, dem deutschen Expressionismus und Fellini. Marjane Satrapi greift auch in ihrer Graphic Novel „Huhn mit Pflaumen“, der Vorlage des Films, auf ihre eigenen Familiengeschichte zurück. Schauplatz ist das Teheran der 1950er-Jahre.

Reales Vorbild für den Musiker Nasser-Ali ist der Bruder des Großvaters von Satrapi, des inhaftierten kommunistischen Revolutionärs aus „Persepolis“. Auch in „Huhn mit Pflaumen“ taucht dieser in einer Nebenrolle wieder auf. Die politische Situation des Iran wird jedoch in „Huhn mit Pflaumen“ nur in poetisch verklärten Metaphern aufgegriffen. Nicht zufällig heißt die verlorene Liebe des Geigers „Irane“, sie verkörpert für Comic-Zeichnerin und Regisseurin Satrapi den Traum von einer Demokratie, die es hätte geben können, für die in den 1950er-Jahren die Weichen gestellt wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2012)

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