Harry Potter und das Haus des Schreckens

„Potter“-Star Daniel Radcliffe überzeugt im Gruselfilm „Die Frau in Schwarz“, dem Kino-Comeback der legendären Hammer-Studios. CEO Simon Oakes erzählt vom Besetzungscoup.

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(c) Concorde

Zwei Dekaden lang waren die britischen Hammer-Studios ein Name, den man in jedem Haushalt kannte. Ende der 1950er feierten die „Hammer Film Productions“ mit farbenprächtigen Neuauflagen klassischer Horrorstoffe wie „Frankensteins Fluch“ und „Dracula“ plötzlich Welterfolge und machten Darsteller wie Christopher Lee und Peter Cushing zu Stars. Regisseure wie Terence Fisher schufen Meisterwerke der Schauerromantik, bis der Marktwandel in den 1970ern und Managementfehler das Studio in den Bankrott trieben: Versuche, an den Zeitgeist anzuschließen – unvergessen der (deutsche) Titel „Dracula jagt Minimädchen“ – und sichtlich immer billigere Produktionen ließen den Hammer-Nimbus verblassen. Doch auf DVD sind die Filmklassiker des Studios ein Dauerbrenner, und 2007 wurde die Marke wiederbelebt.

„Die Frau in Schwarz“ soll die Hammer-Tradition nun auch im Kino erneuern: Dass „Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe die Hauptrolle spielt, ist ein publicityträchtiger Besetzungscoup, doch nicht nur der Jungschauspieler überzeugt in seiner ersten „erwachsenen“ Rolle. Regisseur James Watkins setzt die historische Schauermär vom Anwalt aus der Stadt, der im Spukhaus im entlegenen Dorf auf die titelgebende tödliche Geistererscheinung trifft, stilvoll und effektiv in Szene. Fernab heutiger Horror-Exzesse bietet „Die Frau in Schwarz“ atmosphärischen Grusel alter Schule – und zeigt souverän, dass die viktorianische Tradition des Unheimlichen noch immer nachhaltiger schaudern lässt als schnelle Schocks. Simon Oakes, Präsident und CEO der revitalisierten Hammer Films, sprach mit der „Presse“ über seinen Potter-Coup und die Pläne zur Wiederbelebung einer Kinolegende – ein Mix aus alter Liebe und neuem Business.

 

Die Presse: Was bewegte Sie dazu, die Marke Hammer nach langer Totenruhe neu zu beleben?

Simon Oakes: Hammer war für mich als Kind immer so etwas wie eine verbotene Frucht. Für die Kinostarts der Filme war ich noch zu klein, aber im TV habe ich dann viele gesehen. Sie erschienen mir sehr modern, sexy und „gothic“. Die Zuneigung wurde mir mit der Schließung des Studios wieder bewusst. Seit über 25 Jahren hat Hammer keinen Film mehr produziert, trotzdem sind dieser Name, diese Marke in unserer Kultur verhaftet. Das faszinierte mich sehr. Meine Wiederbelebung von Hammer ist einerseits aus Liebe und Zuneigung zu den Filmen von damals gewachsen, andererseits bot sich mir irgendwann einfach die Gelegenheit. Und ich habe sie wahrgenommen.

 

Das Hammer-Geschäftsmodell war zumindest in den 1950ern und 60ern sehr erfolgreich. Blicken Sie manchmal zurück und versuchen aus den Erfolgen, aber auch den Fehlern zu lernen?

Das Scheitern von Hammer ist sehr gut dokumentiert. Die Filme wurden einfach zu altmodisch, sie haben versucht, ihre Formel ständig zu wiederholen. Bei Erfolgen ist es schwieriger, konkrete Rezepte zu finden. Hammer beherrschte das schauerromantische Erzählen wie wenige andere und man adaptierte viele Klassiker der englischen Literatur. Ein Mitgrund für den Erfolg war aber auch, dass die Welt damals eine ganz andere war. Binnen sechs Wochen konnte man einen Film produzieren. Manchmal gab es sieben, acht, sogar neun Hammer-Filme im Jahr. Doch in den letzten 20, 30 Jahren sind die Produktionskosten so explodiert, dass diese Quantität nicht mehr möglich ist.

 

Wie ist es Ihnen gelungen, „Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe für das Projekt zu gewinnen?

Die Idee, ihn zu besetzen, hatten wir schon sehr früh. Doch wussten wir nicht, was er nach Abschluss der „Harry Potter“-Filme plante. Also rief ich einfach seinen Agenten an und sagte, dass wir gerade einen Stoff entwickeln, der Radcliffe die Gelegenheit böte, etwas ganz anderes zu spielen. Nach Ende der „Potter“-Dreharbeiten las er das Drehbuch und traf sich schon zwei Tage darauf mit Regisseur James Watkins in L.A.

Watkins ist ein talentierter Regisseur. Sein Debüt „Eden Lake“ war aber im Gegensatz zu „Die Frau in Schwarz“ sehr brutal. Wieso wählten Sie ihn?

Er verstand intuitiv, dass es in „Die Frau in Schwarz“ trotz vieler Schreck- und Spannungsmomente letztlich um eine Person gehen muss, die einen berührt. Er wollte den Stoff in die Nähe von Filmen wie „Das Waisenhaus“ oder „The Others“ bringen: gehobenes Genrekino. Das hat uns sehr gefallen.

 

Hammer Films hatte immer den Vorteil, dass die Menschen ein Gefühl mit dem Firmennamen verbanden. Das Unternehmen hatte eine Identität. Versuchen Sie, auf dieser Identität aufzubauen?

Man muss wissen, was man machen wird – aber auch, was nicht. Hammer wird keine Slasher-Filme, keine Exploitation-Reißer und keine Folterpornos produzieren. Wir wollen gehobenen, intelligenten Horror. Einflussreiche Regisseure für die neuen Hammer-Filme sind etwa Stanley Kubrick, Alfred Hitchcock und Roman Polanski. In diese Richtung wollen wir uns entwickeln.

 

Und was ist Ihr Lieblingsfilm von Hammer?

„The Devil Rides Out“.

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Zur Person und zum Film

Simon Oakes wurde in St. Helens, Lancashire geboren. Nach seinem Jusstudium war er u.a. zwölf Jahre lang für den großen Medienkonzern Liberty Global tätig, bevor er 2007 die Neugründung der legendären „Hammer Film Productions“ in die Wege leitete.

„Die Frau in Schwarz“ ist eine viktorianische Schauermär in alter Hammer-Tradition mit Daniel Radcliffe. Ab Freitag in den Kinos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2012)

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