„Rheingold“: Richard Wagner erobert Rom

Kirill Petrenko gab mit der Accademia di Santa Cecilia einen Vorgeschmack auf den Jubiläums-„Ring“ der kommenden Bayreuther Festspiele.

(c) EPA (ANDREAS�GEBERT)

Die Schatten von Bayreuth reichen bis auf die Piazza Navona. Oder beinahe so weit. Im römischen Parco della musica, im Norden der Stadt, bat die Akademie der Heiligen Cäcilie zum konzertanten „Rheingold“. Für Zaungäste spannend, weil zwei der wichtigsten Protagonisten des neuen Festspiel-„Rings“, der auf dem grünen Hügel ab 26.Juli Premiere haben wird, hier eine Art Generalprobe absolvierten: Wolfgang Koch, der neue Bayreuther Wotan, und Kirill Petrenko führten die Besetzung an.

Das Unterfangen wurde von Roms Musikfreunden mit Jubel quittiert. Auch wenn zwei Stunden und 13 Minuten pausenloser Wagner den einen oder anderen doch über Gebühr zu strapazieren schienen: Die gestalterische Kraft Petrenkos zwang die Musiker und das sehr harmonische Solistenensemble zu einer gewaltigen Leistung.

Wenn dieser Mann am Dirigentenpult erscheint, dann ist für bedingungslos fokussierte Konzentration vom ersten Moment an garantiert. Petrenko scheint magische Überzeugungskraft auf Musiker auszuüben. Der makellos austarierte, in sich vielfach bewegte Es-Dur-Akkord des „Rheingold“-Beginns zieht denn auch die Hörer sogleich in den Bann des Erzählstroms. Der reißt dann nicht mehr ab. Petrenko wählt rasche, stets aus dem natürlichen Textfluss geborene Tempi.

 

Aus dem Text geborene Melodie

Die Darsteller scheinen sich ausschließlich am Text zu orientieren, beginnend mit den, jede für sich charakteristischen, doch im Ensemble harmonischen Rheintöchtern (Talia Or, Dagmar Peckova und vor allem die wohltönende Floßhilde von Hermine Haselböck) sowie dem ungewöhnlich hell timbrierten, doch sehr prägnant artikulierenden Alberich Andreas Scheibners. Die musikalischen Linien der Partien dienen, scheint's, lediglich zur plastischen Ausgestaltung der Worte – und von deren Gehalt.

Wagners „unendliche Melodie“, ganz aus Sprache und dramaturgischer Entwicklung geboren – so begreift das der Hörer an einem solchen perfekt einstudierten Abend. Was Petrenko an Detailarbeit aus dem Orchester herausholt – und das ist im wahrsten Sinne des Wortes unerhört viel – scheint diesem alles zu einer großen Einheit bindenden Gedanken untergeordnet.

Die im Vergleich zur Aufführungstradition raschen Tempi ergeben sich daraus logisch – und verfehlen ihre psychologische Wirkung nicht: So gewinnt die erste Götterszene sukzessive an innerer Erregung, weil die inhaltliche Brisanz der Dialoge, der Konflikt zwischen Riesen und Göttern zwingend musikalische Gestalt annehmen. Wolfgang Koch gibt den Wotan mit einer kühnen Mischung aus väterlicher Grandeur und wachsender Verunsicherung, deren akustische Sendboten auf bemerkenswerte Gestaltungsmöglichkeiten dieses Sängers für den zu erwarteten großen Monolog in der „Walküre“ schließen lassen. Vorfreude auf die kommende Festspiel-Einstudierung zu Wagners 200.Geburtstag hat das römische Konzerterlebnis jedenfalls geweckt.

Die Frage, wie es bei den tedeschi um die Inszenierung bestellt sein wird, müht Italiens Wagner-Freunde nicht. Was im Saal der Accademia zu erleben war, genügte vielen theatralischen Ansprüchen: Da war mit Kurt Azesberger beispielsweise ein sensationell agiler, expressiver Mime, mit Dirk Aleschus ein in jeder Hinsicht gewaltiger Fafner an der Seite seines Bruders Roman Astakhov. Peter Galliards Loge begann den Abend in furioser Geschäftigkeit, verlor dann jedoch ein wenig an Energie. Bei den Göttinnen herrschte Prägnanz (Nina Bernsteiners Freia und Ulrike Helzels Fricka) beziehungsweise visionär-entrückte Geistigkeit (Andrea Bönigs Erda).

Die aus weiter Distanz verströmten Endzeitbotschaften der Urmutter sorgten für den großen Ruhepunkt im unentrinnbar strömenden Geschehen. Das Orchester nutzte auch diese Chance, setzte den Agitato-Puls für einige Momente der Ewigkeits-Ahnung völlig zurück. Der Einzug der Götter folgte dann mit aller Macht, ohne dass Petrenko sein zügiges Grundtempo zügeln musste: Unter seiner Führung entwickeln sich die Klänge ohne jeden Druck – und immer in Schönheit – auch wenn sie zu überwältigender Intensität anschwellen.

Die heutige Reprise wird von RAI Radio3 übertragen (19.30Uhr) – www.radio3.rai.it.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2013)

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