Konzerthaus: Dramatischer Grieg, düsterer Schostakowitsch

Das Emerson String Quartet ist zum letzten Mal in gewohnter Besetzung zu sehen.

Symbolbild
Symbolbild
Symbolbild – (c) FABRY Clemens

Schroffheit, rhythmischer Drive, extreme Kontraste, orchestral anmutende Dramatik – und geradezu obsessives Festhalten an Motiven, die eher klangliche Metamorphosen durchlaufen, statt im klassischen Sinn motivisch-thematisch verarbeitet zu werden: Kein Wunder, dass Edvard Griegs einziges (vollendetes) Streichquartett g-Moll op. 27 anfangs in der Fachwelt Stirnrunzeln erregte. Am Sonntag im Konzerthaus markierte es in einer glühenden Wiedergabe den Höhepunkt eines denkwürdigen Abends.

Das 1976 in New York gegründete Emerson String Quartet zählt ja zu den profiliertesten Kammermusikensembles, hat mit seinem energiegeladen-virtuosen Stil die Partituren der großen Quartettliteratur von Haydn bis zur Gegenwart penibel durchleuchtet und doch auch mit Wärme und emotionalem Nachdruck dargeboten. Aber nur noch kurze Zeit gibt der musikalische Grandseigneur David Finckel am Violoncello den Bass an, er will sich künftig eigenen Projekten widmen. Am 11. Mai ist er im Smithsonian in Washington in Schuberts Streichquintett gemeinsam mit dem neuen Cellisten, dem Briten Paul Watkins, zu hören.

Ein letztes Mal also in Wien das Emerson String Quartet in alter Besetzung – das bedeutete bei Grieg elektrisierende Spannung, hochdramatische Ballungen sowie nervöse Erregung im Kopfsatz, spätestens im Finale dann auch Witz und heitere Laune, als sich die vier an einem Strang ziehenden Individualisten die motivischen Bälle mit nonchalanter Virtuosität zuspielten. Ein heiterer Ausklang nach Schostakowitschs 12. Quartett, dessen disparate Klänge sie mit herber Dringlichkeit erfüllt hatten.
Widerspenstige obstinate Motive, gespenstisch huschende Schatten, „Tristan“-artige Schmerzensgesten, bleiche Pizzicati, alarmierende Gesten: ungeschönte Botschaften aus politischer und persönlicher Bedrängnis.

Insgesamt nicht ganz so stark erklang Schumanns vorwiegend lyrisch-poetisches Streichquartett op. 41/3 – aber doch mit perfekt abgetönten Übernahmen des Quintenmotivs von Stimme zu Stimme und schwebenden Begleitsynkopen im ersten Satz und hämmernder Intensität im zweiten. Als Dank für die große Begeisterung der vierte aus Weberns Fünf Sätzen für Streichquartett: zärtlich, gläsern, sensibel. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2013)

Kommentar zu Artikel:

Konzerthaus: Dramatischer Grieg, düsterer Schostakowitsch

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen