"Rheingold" auf der Tankstelle

Zum 200. Geburtstag Richard Wagners präsentieren die Festspiele in Bayreuth eine Neuinszenierung des »Rings des Nibelungen«: Frank Castorf führt Regie, Kirill Petrenko dirigiert.

(c) EPA (ENRICO�NAWRATH / BAYREUTH�FESTIV)

Eine heftige Aufwallung der Empörung, dann großer Jubel für die musikalische Gestaltung – die Reaktion des Publikums auf die Bayreuther „Rheingold“-Premiere 2013 klang im Wesentlichen wie die Reaktionen auf die Bayreuther „Rheingold“-Premieren in den Jahren davor. Dass Regisseur Frank Castorf seine Gegner finden würde, war vorherzusehen. Dennoch lässt sich nicht davon reden, dass sich die Bilder gleichen. Gegen die Inszenierungsnullnummern Tankred Dorsts und Jürgen Fimms bahnt sich hier, so scheint es, zumindest eine handwerklich exzellent gemachte Theaterarbeit an. Das ist ja heutzutage schon viel.

Soap statt Ideendrama. Ob sich aus dieser Theaterarbeit dann viel über Gehalt und Philosophie von Richard Wagners Ideendrama herauslesen lassen wird, bleibt abzuwarten. Das „Rheingold“ war zunächst einmal amüsantes Unterhaltungstheater mit kleinen Krimi-Akzenten, gut geeignet fürs Vorabendprogramm – und auch dort angesiedelt, wo der TV-Vorabendschrott mehrheitlich herkommt: irgendwo auf der amerikanischen Route66, kein Fluss, keine Bergeshöhen, dafür eine Tankstelle und ein Motel, in dessen Terrassenzimmer sich Wotan einquartiert hat, um mit Fricka und Freia in einem Bett die Nacht zu verbringen.

Im Erdgeschoss warten derweil drei Damen auf Kundschaft und ärgern den armen Alberich, der im Liegestuhl eingeschlafen ist. Diese Töchter des mittleren Westens behüten kein Rheingold, sondern einen Würstelgrill nebst Planschbecken.

Gold? Fluch? Ring? Macht? Auch abstraktere Inszenierungen tun sich ja schwer, das Unfassbare fassbar zu machen. Frank Castorf hält sich damit erst gar nicht auf. Woher kommt die ungeheure Macht, die der Ring angeblich verheißt, der sich durch Liebesfluch gewinnen lässt?

Woher soll ich das wissen? So lautet offenbar Castorfs Gegenfrage. Seine Bayreuther Produktion hält sich lieber an die kleinen zwischenmenschlichen Freuden und Schweinereien, die Wagners Text ja in Fülle zu bieten hat. Wo es ganz familiär wird, in der zweiten Szene, wird aus dem lustvoll geknüpften Intrigenspiel eine veritable Posse von sonst nur bei Feydeau erreichter Geschwindigkeit.

Hinzu kommt, dass zwei Kameras ständig die Sänger verfolgen, in Großaufnahme zeigen und auch dokumentieren, was hinter der Szene passiert. Man kommt aus dem Schauen nicht heraus.

Falls sich jemand gefragt hat, ob dieser Regisseur, wenn man ihn denn schon zwingt, einmal die Szenen eines Theaterstücks in jener Reihenfolge auf die Bühne zu bringen, in der sie vom Autor notiert wurden, einen roten oder sonstwiefarbenen Erzählfaden suchen wird: Spätestens in der dritten „Rheingold“-Szene wird klar, dass sich Castorf um Petitessen wie einen „Handlungsstrang“ auch in Bayreuth nicht schert.

Im „postdramatischen“ Theater kommt es auf so etwas nicht an. Dass Alberich und Mime schon am Beginn der Szene Wotans Gefangene sind, ist so unerklärlich wie die Fragen, wie die Goldbarren ins Hinterstübchen der Tankstelle kommen und wohin Alberich sie im Panzerwagen zu verbringen gedenkt. Vollends müssen wir uns den Reim auf die ewigen Fragen, die der „Ring“ auch aufwirft, selbst machen.

Aber das müssen wir ja immer. Kommentatoren verweisen gern auf die „Brüche“, die Wagners Monsterwerk dank seiner jahrzehntelangen Entstehungsgeschichte aufzuweisen hat. In Bayreuth sind es jetzt halt noch ein paar Brüche mehr, zumindest im „Rheingold“.

Klänge aus der Tiefe. Doch sorgt Kirill Petrenko anlässlich seines Debüts auf dem grünen Hügel für eine musikalisch meisterliche Umsetzung der Partitur. Die Musik dringt freilich in die Tiefen des Bewusstseins und rührt, noch weiter hinab, an jenes Unsagbare, das die Bayreuther Optik uns diesmal konsequent vorenthält. Aus dem Orchestergraben dringen kunstvoll gewebte Klänge, luzid, ungemein weich phrasiert – wann hat man ein solch machtvoll-schönes, doch rundes Walhall-Motiv gehört? –, dann wieder von schneidender Prägnanz.

Freilich droht die Bilderflut in ihrer cineastischen Ästhetik zwischen „Django“ und „Straßen von San Francisco“ die akustischen Wunder des öfteren zu überfluten.

Das spielerische Engagement des gesamten Ensembles täuscht auch darüber hinweg, dass nicht alle Stimmen von festspielreifem Zuschnitt sind: die Rheintöchter allesamt nicht, die Floßhilde Okka von der Damerau vielleicht ausgenommen. Dem schmächtigen Donner Oleksandr Pushniaks traut man nicht zu, dass sein Ruf Naturgewalten entfesseln könnte. Der zwar schönstimmigen, doch schwächlichen Erda Nadine Weissmanns stehlen Freia (Elisabet Strid), vor allem aber die kraftvoll-herrische Fricke Claudia Mahnkes mühelos die Show.

Exzellent hingegen Norbert Ernsts wendiger, scharf geschliffener Loge und der Mime Burkhard Ulrichs. Gut die als halbstarke Schlägertypen kostümierten Riesen (Günther Groissböck und Sorin Coliban) und der Froh von Lothar Odinius.

Und darstellerisch wie vokal intensiv das Widersacherpaar Wolfgang Koch und Martin Winkler in den Hauptpartien Wotan und Alberich. Einen schöner timbrierten Göttervater hat man lang nicht gehört. Und die vorbildliche Diktion beider Künstler verhilft auch Wagners Text, dessen Stilistik so quer zur Bühnenrealität steht, zu seinem Recht. Gesungen und musiziert wird großes Welttheater. Illustriert wird dieses mittels kleinbürgerlicher Vorstadtkomödie. Und es gilt bei Castorf keineswegs als ausgemacht, dass es dabei bleibt.

Das Team

Regie: Frank Castorf

Bühne:Aleksandar Denic, Adriana Braga Peretzki (Kostüme)

Licht: Rainer Caspar

Video: Andreas Deinert, Jens Crull

Dirigent: Kirill Petrenko

Die Götter: Wolfgang Koch (Wotan), Oleksandr Pushniak (Donner), Lothar Odinius (Froh), Norbert Ernst (Loge)

Die Göttinnen: Claudia Mahnke (Fricka), Elisabet Strid (Freia), Nadine Weissmann (Erda)

Nibelungen: Martin Winkler (Alberich), Burkhard Ulrich (Mime)

Riesen: Günther Groissböck (Fasolt), Sorin Coliban (Fafner)

Rheintöchter: Mirella Hagen, Julia Rutigliano, Okka von der Damerau

Weitere Premieren: „Die Walküre“ (gestern, Samstag), „Siegfried“ (morgen, Montag), „Götterdämmerung“ (Mittwoch)

Premieren im Rundfunk: jeweils live ab 16 Uhr auf Bayern4.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)

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