"Salut à la France" in der Staatsoper

Donizetti-Glanz im Repertoire. "La Fille du régiment" sorgt für fulminanten Opernspaß; "Anna Bolena" wurde rundum neu besetzt wiederaufgenommen.

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Wenn Donizettis „Regimentstochter“ auf dem Spielplan steht, dann kann es schon passieren, dass am Abend des österreichischen Nationalfeiertags „Salut à la France“ ins Rund der Staatsoper geschmettert wird und dazu ein krähender gallischer Hahn herabschwebt. Es ist natürlich auch schwierig, die einst gepflegte französische Tradition, „La Fille du régiment“ am 14.Juli zur Feier des Sturms auf die Bastille zu spielen, auf Wien zu übertragen: Im Juli hat die Staatsoper bekanntlich geschlossen.

Aber natürlich sind wir längst EU. Außerdem handelt es sich bei dieser „Regimentstochter“, die 2007 ihre Wiener Premiere erlebte, ohnehin um eine Koproduktion mit London und New York. Daher: Salut à la France am 26.Oktober – und das mit großer Freude. Denn Laurent Pellys herrlich dralle, das Militärische und Patriotische in diesem Stück liebevoll ins Komische verdrehende Inszenierung schnurrt wie am ersten Tag.

 

Joan Diego Floréz in Lederhose

Auch sonst stimmt in diesem 21. Regiment Napoleons, das die Tiroler Bergwelt unsicher macht, so gut wie alles: Juan Diego Flórez als Tonio steckt in der feschen Lederhose, wenn er seine Marie besucht, und ist stimmlich in Höchstform. Er begeistert mit traumhaft geschmeidigen Phrasen und seiner fulminanten Batterie an hohen Cs in „Ah! Mes amis“, die er als Dacapo noch einmal nachlädt. An seiner Seite darf Íride Martínez als Marie ins kalte Tiroler Wasser springen: Sie muss nicht nur den ursprünglich angesetzten Wiener Liebling Daniela Fally ersetzen, sondern auch beweisen, dass ihr die für die Premierenbesetzung Natalie Dessay maßgeschneiderten Regimentshosen passen. Diese Herausforderung meistert sie mühelos, singt und spielt sich schnell in die Publikumsherzen.

Dort längst angekommen ist Carlos Álvarez, auch in der 16.Aufführung ein blendender und witziger Sulpice, der der Marquise de Berkenfield (mit überzeugendem Temperament: Aura Twarowska) schöne Augen machen darf. Wie schon im April weht auch diesmal dank Kiri Te Kanawa ein hübscher Hauch von Divenglanz: Herrlich komisch und goldrichtig temperiert ist ihre Duchesse de Crakentorp. Mit „O flor del giorno“ aus Puccinis „Edgar“ lässt sie ihren immer noch prächtigen Sopran kurz aufblühen.

Die Choristen singen mit freudigem Einsatz, sogar im Orchestergraben hat man unter der spritzig versierten Leitung von Bruno Campanella seinen Spaß. Und für so manchen nicht ganz gleichzeitig getroffenen Streichereinsatz entschädigt etwa das famose Cello-Solo. Viel Donizetti-Glück also, noch mehr als am Abend davor in der Staatsoper.

Da gab's nämlich die Wiederaufnahme der „Anna Bolena“. Zur Erinnerung: Die Staatsopern-Erstaufführung des Werks, mit dem Donizetti 1830 in Mailand der Durchbruch gelang, war im April 2011: Anna Netrebko in der Titelrolle und Elīna Garanča als ihre Gegenspielerin sorgten damals für den ganz großen Opernbahnhof. Für die siebente Aufführung standen sich nun zwei völlig andere Bühnentemperamente gegenüber. Krassimira Stoyanova ist weder die große Belcanto-Diva noch die glamouröse Opernheldin, doch gelingt es ihr, sich diese Rolle entsprechend ihren Möglichkeiten wunderbar zurechtzulegen. Sie ist eine vor allem innige Anna Bolena, konzentriert sich auf die lyrische Kraft ihres farbenreich betörenden Soprans. Erst im Finale wagt sie sich an ihre Grenzen, um mit dramatischem Aplomb vor den Scharfrichter zu treten. Sonia Ganassi stehen als Giovanna Seymour alle stimmlichen Mittel zur Verfügung, um ihre anspruchsvolle Rolle ausgezeichnet, wenn auch etwas eindimensional zu singen. Ähnlich geht es Luca Pisaroni, dessen erster Wiener Enrico VIII. noch eher Versprechen als überzeugende Rollendurchdringung ist. Prächtig dagegen das Rollendebüt von Stephen Costello: Er pariert mit sicherer Höhe, und seinem feinen, beweglichen, auch zur Feinzeichnung fähigen Tenor die mörderische Partie des Percy blendend. Die tüchtige Juliette Mars zeigt, dass die Rolle des Smeton zur Premiere nicht ganz zu Unrecht mit Elisabeth Kulman besetzt war. Am Pult sorgt Evelino Pidò für feinen, farbenreichen Orchesterklang.

Eric Génovèses Regie, schon zur Premiere mehr zweckdienliche als inspirierte Plattform für das Staraufgebot, wirkte allerdings in der Wiederaufnahme noch banaler: eine aufwendig historisch kostümierte Schreit- und Stehpartie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2013)

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