Natalia Horecna: Schmutzige Neoklassik

Natalia Horecna lässt in der Staatsoper die Seele tanzen – und strenge Engel.

Willem van de Heuvel

Sie springt und grätscht, buckelt, verdreht die Hüften, wirft die Arme in die Höhe, verschlingt die Beine, schneidet Grimassen, stöhnt aus voller Brust und kann zwei Stunden lang keine Sekunde stillstehen. Wenn sie nicht zappelt oder rennt, hüpft oder mit den weichen Schläppchen durch den Probensaal schleift, bleibt immer noch das herzliche Lachen, das ihr Gesicht erstrahlen lässt und von den Augen in den zierlichen Körper wandert. Natalia Horecna probt mit dem Wiener Staatsballett ihr neues Stück „Contra Clockwise Witness“.

Zwar hat die erfolgreiche Solotänzerin die Spitzenschuhe an den Nagel gehängt, doch ist sie dem Metier und ihr der Erfolg treu geblieben: In nur wenigen Jahren ist die 37-Jährige zur international gefragten Choreografin aufgestiegen. Mehr als zwanzig Ballette stehen auf ihrer Erfolgsliste, die vor fünf Jahren mit „Lullaby of little soldiers“ für das Nederlands Dans Theater (NDT) begonnen hat. Dort, in Den Haag, war und ist auch ihre Heimat. Der langjährige künstlerische Leiter des NDT, Jiří Kylián, ist einer ihrer Mentoren und Meister, der andere ist John Neumeier, Chef des Hamburg Ballett, bei dem sie mit 17 ihre erste Solorolle tanzen durfte. Von den beiden Choreografen hat sie auch ihre Tanzsprache gelernt: „Schmutzige Neoklassik“ nennt sie ihren Stil. „Neumeier und Kylián tanzen Neoklassik, aber bei mir ist nicht alles so sauber, eine Schicht von Schmutz gehört dazu. Ich liebe schwarzen Humor und bin vielleicht sogar manchmal ein wenig zynisch.“ Weder die Kritikerinnen noch das Publikum nehmen ihr das übel. Im Gegenteil, Natalia Horecna ist nicht nur wegen ihrer frischen Energie und des offenen Zugangs auf Tänzerinnen und Tänzer („Meine Schnecken, meine Schmetterlinge, die sind alle so süß“, sagt sie über das Wiener Ensemble) beliebt, sondern auch, weil sie mit ihren Choreografien etwas mitzuteilen hat, den Kontakt zum Publikum herstellen und auch eine Geschichte erzählen will.
 
Der Tod ist etwas Schönes. Für Wien ist ihr eine besondere Geschichte eingefallen, die eines Mannes, seiner Seele und vieler Engel. „Sie handelt vom Tod und ist eine Hymne an das Leben.“ Es will ihr gar nicht gefallen, dass der Tod als Tabu behandelt wird und das Thema Sterben schon von den Kindern ferngehalten wird: „Dadurch sind wir nicht gewappnet und erschrecken immer so. Ich habe das selbst beim Tod meines Vaters erlebt. Ich war gar nicht vorbereitet. So soll es aber nicht sein. Das will ich auch in meinem Stück sagen, dass der Tod der Übergang in ein anderes Leben ist, etwas sehr Schönes.“ Deshalb sind die im neuen Stück tanzenden Todesengel keine finsteren Gestalten, sondern eher liebevolle Begleiter, „doch sie können schon streng werden und sogar böse, wenn die Menschen das Leben, das ihnen geschenkt worden ist, nicht lieben.“
Davonschleichen gilt nicht, da schlagen die Engel auch schon einmal zu. „Ich will mit der Geschichte von dem Mann (András Lukács) – er heißt der Mann –, der seine Probleme nicht lösen kann, sagen, dass das Leben ein Geschenk ist. Ich will niemanden verurteilen, aber ich will fragen, was wir mit den schwierigen Situationen in unserem Leben machen. Werden wir Opfer? Tun wir etwas, um die Probleme zu bewältigen?“

In einer Art Workshop hat sie die ihr vorerst unbekannten Tänzer für die neue Kreation ausgewählt: „Ballettdirektor Manuel Legris hat mir geholfen, aber er hat mir völlig freie Hand gelassen.“ So tanzt die Erste Solotänzerin Nina Poláková, als „Beistand der Seele“ inmitten der Engelschar, weil Horecna von Hierarchien nichts hält. „Alle meine Tänzer sind Erste Solisten, sie haben alle ihre eigenen Qualitäten.“  Doch möchte sie auf der Bühne „keine Tänzerinnen und Tänzer sehen, sondern Menschen.
Echte Menschen, mit denen sich die Menschen im Saal identifizieren können, mit denen sie lachen oder weinen, leiden oder sich freuen. Meine Tänzer müssen Freude haben, Freude am Tanzen und Freude am Leben, und die müssen sie weitergeben. Meine Priorität ist nicht die Technik sondern die Seele.“ Die vierte Wand, die unsichtbar zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum steht, akzeptiert das blonde Energiebündel nicht. „Ich möchte das Publikum und die Tänzer zusammenbringen, das soll eine Gemeinschaft sein, damit die Botschaft überspringt.“ Und die lautet diesmal: „Wir alle müssen immer wieder durch ein finsteres Tunell gehen, aber wir kommen zum Ende, und da ist wieder Licht zu sehen.“
Obwohl ihre Liebe US-Komponist Terry Riely, einem der ersten Vertreter der Minimal Music, gehört, hat sie diesmal eher Spannungsgeladenes gewählt: Altmeister George Crumb oder den deutsch-britischen Komponisten Max Richter. Ihre Stücke, weiß sie, sind „nicht leicht zu verdauen. Aber sie sind ehrlich und authentisch. Und letztlich handelt auch dieses neue Stück von der Liebe. Das ist das Wichtigste im Leben.“

Lieber Geschichten als Experimente. Horecna hat als Choreografin nicht nur für das NDT gearbeitet sondern auch mit dem Nationaltheater von Kosice in ihrer Heimat Slowakei oder für das Solistenpaar Silvia Azzoni und Sascha Riabko vom Hamburg Ballett, auch für das Grazer Ballettensemble oder das Kieler Ballett. Für die Tanzcompagnie am Tiroler Landestheater gestaltet sie den Kontrapart zu einer Choreografie der Tänzerin Marie Stockhausen für kommende Frühjahrspremiere. Wieder klingt der Titel düster: „Its Black Nature“, doch auch Ironie schwingt mit.

Vom Wiener Staatsballett spricht sie nur in den höchsten Tönen: „Natürlich hat jedes Ensemble seine eigene Bewegungssprache, hier sind sehr viele Mitglieder klassisch geprägt, aber ich sehe, dass sie große Freude an einer freieren Bewegungssprache haben und schnell lernen. Unbedingt steht die Compagnie in vorderster Reihe und muss keinen Vergleich scheuen. Sie sind alle unglaublich professionell und bescheiden.“ Wie entwickelt sie ihre Ideen? Horecna: „Bei diesem Stück habe ich auch an die Atmosphäre von Wien gedacht, an die Leichtigkeit, an den Humor. Ich bin nicht mehr am experimentellen Theater interessiert, ich denke, das ist schön, und ich habe auch Respekt vor allen, die das machen. Doch in meinem Theater will ich Geschichten erzählen, ich will eine ,rough version‘, nicht durchgekochtes Fleisch. Ich brauche nur einen Tänzer, eine Emotion, eine Musik, eine Atmosphäre. Kein Video, keine üppige Dekoration, die Geschichte soll im Mittelpunkt stehen. Ich will etwas sagen, und man soll mich verstehen.“ Sieht man der quirligen Choreografin zu, fragt man sich, ob ihr das Tanzen nicht doch fehlt: „Nein, ich finde es schön, jetzt auf der anderen Seite zu sein.“

Tipp

„Contra Clockwise Witness“, Uraufführung im Rahmen der Premiere von „Ballett-Hommage“ mit „The Second Detail“ von William Forsythe und „Études“ von Harald Lander. 15. 12., Staatsoper, weiters am 16. 12., 8., 11., 14. 2. 2014; www.wiener-staatsoper.at

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