Das Theater schwänzt einen schönen Roman

Das Schauspielhaus verfehlt Stefan Zweigs „Welt von Gestern“. Das Schauspielhaus nahm nur den Titel und ein paar Zitate aus dem Band.

(C) Schauspielhaus

Noch immer ein wunderbares Buch: Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“, eine literarisch-historisch-biografische Betrachtung von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis zum Exil des Dichters in Brasilien, wo er 1942 den Freitod wählte. Eine Bebilderung des Werks ist ohne aufwendige filmische Illustration kaum denkbar, eine Lesung mit verteilten Rollen schon eher.

Das Schauspielhaus nahm nur den Titel und ein paar Zitate aus dem fast 500 Seiten starken Band für seine Reise zu den 100-jährigen Menschen Wiens – aus Anlass des Gedenkjahrs 2014. Den ersten Teil unter dem etwas angeberischen Titel „Glanz und Schatten Europas“ , der Donnerstag Premiere hatte, bestritt die heurige Hausautorin der Bühne, Anne Habermehl, sie erkundet die Geschichte mittels Zappen durch die Zeit. Zunächst wurde im Schauspielhaus ein Text von Stefan Zweig zu Fotos aus dem alten Wien rezitiert. Dann wanderten die Zuschauer ins Hotel und Palais Strudlhof. Dort wurde 1914 das Ultimatum an Serbien unterschrieben, das zum I. Weltkrieg führte. Von dessen Ursachen, Weiterungen handelt heuer auch das Schauspielhaus-Programm.

 

Es fehlen lebendige Dialoge

Im schönen Hotelsaal mit Kassettendecke erzählt ein betagtes Paar von seinem Leben, zwei Weltkriegen, die vor allem den Mann traumatisiert haben, vom Kennenlernen in Paris und den Verlusten des Alters. Der Mann demonstriert auf Straßenkreuzungen und in der Kirche. Er sucht den Garten, der längst verkauft ist. Altersschrullen oder Alzheimer? „Die Zeit ist ein fauler Kompromiss“, sagt er. Was soll das heißen? „Der Krieg ist längst vorbei“, sagt sie. „Für mich nicht“, sagt er. Die Frau hat sich dem Filmen zugewendet, später findet sie Trost in der Religion. Sie überlegt, ihren Mann entmündigen zu lassen. Er nimmt das mit einer Mischung aus Entsetzen und Resignation auf – und verschwindet im Wald. Das Papier, das er zuvor unterschreibt, ist die Kriegserklärung Österreichs gegen Serbien von 1914. Anne Habermehl hat nicht nur den Text geschrieben, sondern auch inszeniert.

Margarethe Tiesel, bekannt aus Ulrich Seidls „Paradies – Liebe“, und Michael Gempart, früher am Burgtheater, spielen die Figuren, die ihre eigenen Namen tragen: Margarethe und Michael. Es gibt berührende Momente der Liebe und stillen Verzweiflung zwischen den beiden, aber auch viel Leerlauf. Das durchaus originelle Konzept des Switchens durch Zeit und Raum, objektiv und subjektiv, wird nicht mit lebendigen Dialogen gefüllt. Am Beginn und am Ende wird an die Jugend appelliert, junge Menschen erzählen von ihren Träumen. Die Performance hat etwas von Schulfunk für das Theater.

In letzter Zeit gab es zwei großartige Filme über das Alter, „L' Amour“ von Michael Haneke und „Mr. Morgans letzte Liebe“ mit Michael Caine, beide gemächlich, aber trotzdem üppig und spannend. Nähert man sich dem Thema im Theater, ist es nötig, mehr als eine Idee zu haben. Vielleicht wird die fünfteilige Serie ja noch. Doch fürs Erste bleibt Stefan Zweigs „Welt von Gestern“ Lesern vorbehalten: Vielleicht sogar ein Vorteil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)

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