Nachruf: Gerd Albrecht, der Streitbare

Zum Tod des deutschen Dirigenten, der in Wien zahlreiche Opernpremieren leitete und in aller Welt Neues und Rares propagierte.

Gerd Albrecht
Gerd Albrecht
Gerd Albrecht – (C) MoSchle/ Wikipedia

Gleich nach Vollzug eines für den Fortgang der Wiener Operngeschichte entscheidenden Direktionswechsels kam 1976 ein deutscher Dirigent zum Zug, der in den Jahren davor vor allem durch sein Engagement für zeitgenössische und wenig bekannte Werke aufgefallen war, die es aus den Archiven zu holen galt. Für Direktor Egon Seefehlner war Gerd Albrecht der rechte Mann, dem Wiener Publikum Unbekanntes vorzustellen.

Der Einstudierung von Hector Berlioz' „Trojanern“, einer Erstaufführung in der Staatsoper, folgten manch vergleichbare Extravaganzen. Wann immer es galt, Unbekanntes zu bewerben, war Albrecht die erste Wahl. Nebst Repertoire-Aufführungen von Wohlbekanntem zwischen Strauss' „Salome“ – einmal wegen einer plötzlichen Unpässlichkeit des Dirigenten mit Pause nach dem „Tanz der sieben Schleier“ – bis zu Mussorgskys „Boris Godunow“, waren es Stücke wie Schrekers „Ferner Klang“, Mercadantes „Giuramento“, Halévys „Jüdin“ oder das in seiner Gesamtheit rare „Triptychon“ von Giacomo Puccini, für die Albrecht sich mit Freude einsetzte.

Zahlreiche zeitgenössische Komponisten sind diesem Künstler auch zu Dank verpflichtet, weil er ihre Werke in seine Repertoirelisten übernommen und allenthalben den Veranstaltern angepriesen hat. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Albrecht galt auch bei den Rezensenten bald als Spezialist fürs Unbequeme und erntete dafür reiches Lob.

Die Karriere des 1935 in einen Essener Musikerhaushalt geborenen Schülers von Wilhelm Brückner-Rüggeberg verlief dennoch nicht ohne Blessuren. Nach dem Fall des Kommunismus machte man ihn als ersten Ausländer zum Chef der Philharmonie in Prag, ein Engagement, das nicht friktionsfrei ablief und 1996 abrupt endete.

 

Engagement für den Nachwuchs

Seine Position als Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper behielt Albrecht freilich von 1988 bis 1997, einer Generation deutscher Musikfreunde war er dank seiner einführenden TV-Sendungen über klassische und romantische Musik ein Begriff. In die Annalen ging er ein, weil einige bedeutende Uraufführungen unter seiner Stabführung stattfanden – nicht zuletzt jene von Aribert Reimanns „Lear“ in München, die den Weltruhm des Komponisten begründen sollte, oder Helmut Lachenmanns viel beachtetes „Mädchen mit den Schwefelhölzchen“. Auch die Rekonstruktion von Zemlinskys „König Kandaules“ hob Albrecht aus der Taufe. Der Dirigent starb am 2. Februar in Berlin. (sin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2014)

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