Erschütternd: „Kaddisch“ von Penderecki

Der 81-jährige Doyen der osteuropäischen musikalischen Moderne dirigierte ein Konzert in Graz.

Polish composer Krzysztof Penderecki conducts the Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv
Polish composer Krzysztof Penderecki conducts the Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv
Polish composer Krzysztof Penderecki conducts the Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv – (c) REUTERS (FINBARR O´REILLY)

Bereits im Vorfeld des 200.Jubiläums des „Musikvereins für Steiermark“ (2015) verlieh dieser im Grazer Stephaniensaal Kryzsztof Penderecki die Ehrenmitgliedschaft. Bei einem „Konzert für Menschenrechte“ (seit 2001 ist Graz die erste UNO-Menschenrechtsstadt in Europa!) dirigierte der Maestro aus Krakau das souveräne RSO Wien: ein Abend, dessen ethischer Gehalt traditionelle Abo-Konzerte in einem, es ist nicht anders zu sagen, spirituellen Sinn ohrenfällig transzendierte.

Vor der Pause erklang das „Concerto grosso für drei Violoncelli und Orchester“, eine Auseinandersetzung mit der musikalischen Tradition in sechs direkt ineinander übergehenden Sätzen. Penderecki fächert in historischer Brechung ohne jede postmoderne Ironie mannigfaltige Charaktere der tonalen Tonsprache auf, von stichflammenartig-grellen Eruptionen über heroisch drängende Allegro-con-brio-Passagen bis hin zum tiefen Frieden der Nachtmusik. Unter den drei virtuosen, hochsensibel musizierenden Solocellist(inn)en traten die dunkellyrischen, trauergesättigten Cantilenen von Danjulo Ishizaka besonders hervor, die langjährige Meister-Schüler-Beziehung mit Penderecki ereignete sich hier als reiner Klang.

„Ein Überlebender aus Warschau“

Der zweite Teil widmete sich der Tragödie des jüdischen Volkes während der NS-Schreckensherrschaft in Polen. Zunächst Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“, dessen markerschütternde Drastik allerdings aus zwei Gründen nur etwas abgeblendet zur Geltung kam: Die englische Textfassung klingt zweifellos härter als die zu hörende deutsche Übersetzung, und die Stimme von Burgschauspieler Peter Matić wirkt auch Jahrzehnte nach seiner „Gandhi“-Synchronisierung noch immer zu friedfertig, um nacktes Grauen vollständig zu vermitteln.

Abschließender Höhepunkt: die österreichische Erstaufführung von Pendereckis „Kaddisch“ (2009), einer Kantate für Orchester, Frauenstimme (Izabela Matula), Männerchor (Grazer Opernchor) und Kantor (mit perfekter synagogaler Idiomatik Alberto Mizrahi) von erschütternder Expressivität. Texte aus dem Alten Testament werden Gedichten des 15-jährigen Abraham Cytryn aus dem Ghetto von Łódź gegenübergestellt und münden schließlich in den glaubensgewissen, überirdisch tröstlichen „Kaddisch Jatom“ – Adornos Diktum vom „Glücksversprechen großer Musik“, an diesem Abend wurde es eingelöst. (hasl)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2014)

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