Theater an der Wien: Harnoncourts Mozart-Verismo

Mit „Così fan tutte“ gelang dem Dirigenten ein vorzügliches Finale seiner konzertanten Trilogie mit Mozarts Da-Ponte-Opern.

FOTOPROBE: 'COSI FAN TUTTE' IM THEATER AN DER WIEN
FOTOPROBE: 'COSI FAN TUTTE' IM THEATER AN DER WIEN
FOTOPROBE: 'COSI FAN TUTTE' IM THEATER AN DER WIEN – APA/HERWIG PRAMMER/THEATER AN DE

Wie mit eherner Kraft in Stein gemeißelt erklangen da vor dem zweiten Finale die Akkorde jener C-Dur-Kadenz, mit der Mozart den Titel des Stücks und dessen gallig-bittere Aussage in schlagkräftige Musik setzt. „Così fan tutte“: So machen es alle Frauen, lautet die Behauptung. Aber: Wie ein noch beim langen Schlussjubel energiegeladen wirkender Nikolaus Harnoncourt den ganzen Abend über dieses abgründig-schmerzliche Spiel über die Liebe und deren unbezwingbare, unlenkbare Kraft entwickelt und befeuert hat, so machen es beileibe nicht alle. Kein Zweifel: Diese „Così“ bildete nach einigem Weh und Ach, das diese Da-Ponte-Trilogie in den letzten Wochen begleitet hatte, das großartige Finale des gewagten und aufwendigen Projekts – weil nicht nur wie bisher vor allem die in diesen „neuen alten Mozart“ investierte Liebesmüh' zu hören war, sondern auch die Früchte der bisherigen Arbeit eingefahren werden konnten.

Selbstverständlich blätterte der Concentus Musicus auch diese Partitur, die ihm als Kollektiv bisher so wenig vertraut war wie die beiden vorangegangenen, mit großer Entdeckerfreude auf – und zeigte an diesem spannungsreichen Abend erneut eine enorme Bandbreite an Klangfarben und Artikulationsnuancen. Herrlich etwa, wenn nach ihrer ersten Abfuhr die verkleideten Herren im Rezitativ Gott Amor beschwören, und die Streicher diese neuerliche Verführungsoffensive plötzlich in sattes Vibrato kleiden, dadurch verstärken und zugleich ironisch brechen.

 

Sicherheit bringt Energie im Ausdruck

Wie sehr die Charakteristik der alten Instrumente auch auf das Tempo Einfluss hat, zeigte sich etwa im bei Harnoncourt sehr gemessenen Allegro moderato von Fiordiligis E-Dur-Rondo, dem heimlichen Vorbild für Beethovens Leonoren-Arie: Schneller wären die zum Teil nur gestopft hervorzubringenden Sechzehntel des solistischen Horns weder möglich noch sinnvoll. Neu und willkommen aber war, dass bis auf vernachlässigbare Kleinigkeiten diesmal praktisch jeder Takt auch in der Kommunikation zwischen Dirigent, Orchester und Bühne klar schien: Die gewonnene Sicherheit ermöglichte es, noch mehr Energie in den Ausdruck zu legen.

Und in diesem Punkt strebt Harnoncourt geradezu eine Art Mozart-Verismo an: Die Wahrhaftigkeit der Emotion steht unbedingt im Zentrum. So sind wohl auch die vielfach gesprochenen Rezitative, nach wie vor ein schwieriges Work in Progress, als quasirealistisches Element zu begreifen. Wie schon bei „Don Giovanni“ konzentrieren sie sich in einer Figur, wobei Ruben Drole als Leporello die ungewohnte Anforderung weitaus nuancenreicher und damit befriedigender erfüllen konnte als diesmal Markus Werba: Sein jugendlich-leichtgewichtiger, auch in manchen Ensembles bloß redender Don Alfonso rückte dadurch, bewusst oder unbewusst, schon wieder in die Nähe einer Kunstfigur. Hier hätte ein (perfekt italienisch sprechender) Regisseur Not getan.

So sehr sich Harnoncourt in diese radikale Interpretation historischer Quellen zur Rezitativausführung verliebt oder gar verbissen haben mag, so wenig Spielraum erlaubte er anderswo: Die Appogiaturen wirkten wohldosiert, Fermaten aber durften die Sänger nur selten leicht auszieren. Auch philologische Skrupel plagten den Maestro nicht weiter. Nach dem mit allen Arien gegebenen „Figaro“ wählte er für „Giovanni“ die traditionelle Mischfassung, und in „Così“ strich er nicht nur das Duettino, sondern erlaubte sich gar Kürzungen innerhalb mancher Arien und Ensembles – ganz, als wollte Harnoncourt sagen: Auch bei einer im Wesentlichen konzertanten Aufführung (die halb szenischen Zutaten waren diesmal besser gewählt und dosiert als zuvor) regieren nicht die Gesetze des Archivs, sondern jene der Bühne.

Dort war freilich, wieder unterstützt vom tadellosen Arnold-Schoenberg-Chor, das beste Ensemble dieser Da-Ponte-Trilogie am Werk: junge Leute, die sich auf ein unmenschliches Liebesexperiment einlassen und schmerzlich scheitern müssen. An der Spitze Mari Eriksmoen, die nach Susanna und Zerlina nun als Fiordiligi den stärksten Eindruck hinterließ. In allen Lagen präsent, nahm sie die erheblichen stimmlichen Hürden fast durchwegs mit Bravour – und wie schön sich ihr leuchtkräftiger, koloraturgewandter Sopran mit den glutvoll-dunklen Klängen von Katija Dragojevic mischte, die als bildschöne Dorabella nach Anfangsnervosität auch solistisch zu reinem Wohllaut fand!

Ein Kabinettstück für sich lieferte daneben wieder Elisabeth Kulman als frivole Despina, die, als Doktor und Notar verkleidet, ehrwürdig eine Oktav tiefer sang. Andrè Schuen gelang als Guillelmo (so heißt die Partie bei Da Ponte wirklich, sagt Harnoncourt, nicht Guglielmo) nach Figaro und Giovanni das markanteste, zuletzt ins Bittere driftende Porträt, und Mauro Peter stand ihm als wendiger, hell tönender Ferrando kaum nach.


Im TV und Radio: Auf ORF III am Sonntag, 30.3., 20.15 Uhr; auf Ö1 am 17.5., 19.30 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)

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