„Alcione“ im Odeon: „Huch, schon wieder eine neue Idee!“

Philipp Harnoncourt, Sohn des Dirigenten, spricht im Interview mit der "Presse" über das Inszenieren und die Arbeit mit dem Vater.

(c) Odeon

Die Presse: Marais' „Alcione“ war seit 237 Jahren nicht mehr szenisch zu sehen. Wieso holen Sie die Oper aus der Versenkung?

Philipp Harnoncourt: Die Idee kam von Lorenz Duftschmid, er kannte die Instrumentalfassung von „Alcione“. Mehrere Dinge waren für uns an dem Werk interessant: Erstens ist das Genre der französischen Barockoper so unbekannt, dass es mich neugierig gemacht hat, so was zu tun. Beim ersten Hinhören klingt das fast durchkomponiert, es gibt keine großen langen Arien und keine ganz langen Rezitative – die Oper hat einen musikalischen Fluss. Zweitens ist die Musik von hoher Qualität. Man findet das selten bei einem neuen Stück, dass man sich immer wieder denkt: Huch, schon wieder eine neue Idee! Schon wieder eine neue Atmosphäre! Und drittens passt sie auch hervorragend zum Spielort, dem Odeon. Dort wird seit langem Bildertheater gemacht. Auch „Alcione“ arbeitet stark mit der Bildebene. Es sind große Instrumentalstücke drin, es sind Tänze drin, Sinfonien.

 

Wieso ist die Oper so lange nicht aufgeführt worden?

Harnoncourt: Schwer zu sagen. Es gab eine eigenartige Tradition damals, dass die Komponisten Instrumentalwerke aus ihren Opern herausfiletiert haben, um sie selbstständig zu vermarkten. Das geht bis zu Mozart. Bis 1870 wurde „Alcione“ viel gespielt. Ab dann hat Marais viele Konzerte damit gemacht. Dadurch hat seine Instrumentalmusik einen Ruf bis heute und wird auch gar nicht selten gespielt. Aber aus irgendeinem Grund hat man vergessen, dass das ja Teile einer Oper sind. Fast unverständlich, weil das auch sehr gute Vokalmusik ist. Aber wie gesagt, Marais hat sich ein bisschen selbst ausgehebelt durch die Methode.

 

Wie ist es für Sie, ein Werk zu inszenieren, das so lange nicht gespielt wurde?

Harnoncourt: Es macht extremen Spaß, etwas zu tun, wozu es kein Vorbild gibt. Man hat einfach so eine Entdeckerfreude. Und ich glaube nicht, dass man sagen kann, die Geschichte hat das herausgefiltert, weil es nicht gut genug war. Aber erstens wird französische Oper überhaupt selten gespielt, und außerdem ist die Form halt relativ aufwendig: Man braucht eine Menge Solisten, Chöre, die auch viel auf der Bühne sind, ein Tanzensemble, einen Choreografen. „Alcione“ war mit Abstand die erfolgreichste Oper von Marais. Sie wurde bei der Premiere von Ludwig XIV. besucht, der sie sich dann noch öfters angesehen hat. Ich kann nur sagen, ich finde das supergute Musik, Musik voll von Ideen. Sie ist modern, sie hat so viel Frische, ist unkonventionell, überraschend.

Die Geschichte selbst ist uralt...

Harnoncourt: Ja, sie stammt aus Ovids Metamorphosen, aus dem elften Buch. Ein Liebespaar liebt sich von vornherein total, auf naive Weise – ein bisschen ähnlich wie Romeo und Julia. Und kaum passt etwas perfekt, muss eigentlich der Hammer des Schicksals kommen. Es passiert also ein großes Unglück: Der Mann stirbt bei einem Schiffbruch, die Götter spenden der Frau keinen Trost, sondern zeigen ihr im Traum, wie ihr Geliebter stirbt. Sie tötet sich selbst – und hier beginnt die Metamorphose: Die beiden werden in den Himmel versetzt und zu Eisvögeln verwandelt, die sich auf ewig treu sind.

 

Das klingt aufwendig.

Harnoncourt: Ja, ich finde auch, dass wir eine opulente und aufwendige Produktion gemacht haben. Aber wenn man alles auf die Bühne bringen wollte, würde es selbst für die Salzburger Festspiele eine teure Produktion werden. Die Oper hat sechs Akte und jeder Akt hat einen großen Effekt, ein Wunder, einen Seesturm, ein Erdbeben. Um im Rahmen zu bleiben, habe ich versucht, das Stück relativ zeitlos anzusiedeln: Wir haben kein Wasser, kein Meer, keine nachgebauten Schiffe. Ich versuche, ein Spiel im Spiel, ein Theater der Fantasie und der Bilder zu entfachen. Ich muss auch sagen, dass mich die Zusammenarbeit mit Erwin Piplits sehr inspiriert hat – er ist ein Mann, der seit dreißig Jahren wichtiges Theater macht, der eine ausgefeilte Ästhetik, ein Wissen hat. Man hat gar nicht so oft die Gelegenheit, sich gegenseitig austauschen zu können.

 

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Harnoncourt: Als Nächstes werde ich gemeinsam mit meinem Vater den „Idomeneo“ für die Styriarte inszenieren. Es ist die erste Regiearbeit meines Vaters, er hat mich gefragt, ob ich das mit ihm machen will. Ich habe sehr gerne zugesagt, weil es ein ähnlicher Fall ist, wo man sich austauschen kann. Witzigerweise ist der „Idomeneo“ fast das gleiche Genre wie „Alcione“ – eine Tragédie lyrique. Man könnte sagen, dass „Idomeneo“ die französische Oper von Mozart ist. Wir werden auch etwas Ähnliches machen, wir werden am Schluss ein Ballett auf die Bühne bringen.

Wie ist es, mit dem Vater zu arbeiten?

Harnoncourt: Mittlerweile geht das reibungsfrei. Ich kam vor ein paar Jahren durch Hans Gratzer zur Oper. Bei Mozarts „Schuldigkeit“ im Theater an der Wien habe ich das erste Mal mit meinem Vater zusammengearbeitet, das war eigentlich Zufall. Wir haben damals gesehen, dass wir sehr konzentriert künstlerisch zusammenarbeiten können. In so einer Familie ist die künstlerische Zusammenarbeit fast einfacher als die nicht künstlerische Kommunikation.

ZUR PERSON: Der Regisseur

Philipp Harnoncourt,1955 in Wien geboren, kam von der Lichtregie zur Regie, schreibt auch selbst Theaterstücke.

Vorstellungen: 12. (ausverkauft), 14., 20., 25., 27., 29., 30.März, 20Uhr, Odeon. Karten: (01) 216-51-27. [Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2008)

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