"Die Kaperer": Als Noah in seiner Arche ertrank

In „Die Kaperer“ hat der junge Dramatiker Philipp Löhle gewichtige Themen leicht verpackt, Regisseurin Jette Steckel setzt sie intelligent um.

(c) Schauspielhaus (Alexi Pelekanos)

Reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff!“, lautet bedeutungsschwer der Untertitel von „Die Kaperer“. Der radikale Befehl stammt aus dem urzeitlichen Gilgamesch-Epos, das die Geschichte des gottergebenen Noah und der Flut vorwegnimmt.

Von großen Dingen handelt auch das eineinhalb Stunden dauernde Drama Philipp Löhles, vom Weltende fast, sogar ein würdige Dichtung sprechender Chor wird bemüht. Aber der gesamte Text ist dann doch eher lieb gemeint als faszinierend, der Schluss rasch absehbar, also kann man ihn ebenso gut gleich erzählen; bei Löhle ertrinkt Häuslbauer Noah in seiner Arche. Was sonst? Es ist der flotten Inszenierung der talentierten Jette Steckel und dem Können der fünf Schauspieler zu verdanken, dass die Uraufführung am Donnerstag, ein Werkauftrag des Berliner Theatertreffens 2007, dennoch ein akzeptabler Erfolg wurde.


Rosa ist die raffinierte Außenhaut

Mörchen (Max Mayer) glaubt, dass wegen der Klimaerwärmung die große Überschwemmung kommen werde, deshalb hat er ein seltsames Haus am Fluss gebaut, rosa ist die Außenhaut des Hightech-Baues. Das muss so sein, weil diese Arche dadurch sozusagen atmungsaktiv wird und Schutz vor dem Hochwasser bietet. Das Drama beginnt mit der Gleichenfeier. Mörchens hochschwangere Frau Tine (Bettina Kerl) sowie das nette befreundete Paar Nele (Nicola Kirsch) und Arne (Vincent Glander) stehen an der Rampe und feiern mit Sekt, während Mörchen noch ganz hinten unter einer rosa Hülle letzte Arbeiten am Haus erledigt. Man vernimmt Bohrgeräusche, zugleich ertönt auch jazzige Musik (Mark Badur).

Als er schließlich mit großer Geste sein Haus enthüllt, reagiert vorerst Nele mit Skepsis auf dieses hässliche Ungetüm (Bühnenbild: Sarah Isabel Sassen). Keine Fenster? Keine Heizung? Und dann auch noch rosa wie neuerdings das Theater hier? Kirsch lässt bei dieser Gelegenheit an der Rampe ihr komödiantisches Talent aufblitzen, der Hausherr reagiert äußerst gereizt.

Immer stärker arbeitet Mayer an diesem Charakter die sonderlichen Züge heraus. Unablässig werkt er an seinem Projekt, trägt die großen Bauklötze herum, wird schließlich einsilbig. Die anderen missdeuten seinen Rückzug als Selbstmordgefahr. Schon sieht man ihn mit einem Kabel um den Hals in der Höhe herumhantieren. Andeutungen über den Tod der Mutter, die Krankheit des Vaters fallen. Sie bleiben allerdings fast funktionslos. Mörchen ist recht flach geraten, selbst, als er aggressiv wird und es zum Bruch mit den anderen kommt, als er, allein gelassen, überfallen und verwundet wird.


Zynische Geschäfte mit der Flut

Der Freund fürchtet inzwischen bereits um das Geld, das er ihm für den Bau geliehen hat, er glaubt nicht mehr an den Erfolg des Projekts. Tine nimmt samt Kind entsetzt Reißaus. Diese beiden Rollen sind im Stück allerdings bescheiden, ohne viel Tiefe angelegt. Stärker kommt Stephan Lohse als Herr Hosenbein zur Geltung, ein zynischer Geschäftspartner, dem jede Flut recht wäre, brächte sie ihm nur etwas ein im unerschlossenen Arche-Geschäft. Lohse, der auch einen Nervenarzt und einen Volkszähler spielt, ist einprägsam karikierend.

Und dann setzt das Warten auf das Wasser ein. Nach und nach wird die Bühne umgebaut, schließlich steht die Mauer ganz vorn, ein imposantes rosa Schutzschild. Der Hausherr hat sich dahinter verschanzt. „Was ich brauche, ist ein Hochwasser“, klagt der tragikomische Prophet des Untergangs. Dann beginnt es zu tröpfeln. Bald schüttet es. Aber alle Vorsorge war umsonst. Ein Denkfehler? Ein technisches Gebrechen? Die Überlebenden singen ein Lied über Noah, den unglücklichen Häuslbauer. Es ist wohl eine traurige, vermeidbare Geschichte.

SCHAUSPIEL: Junge Kräfte

Philipp Löhle, *1978 in Ravensburg, ist derzeit Regieassistent in Baden-Baden. Er schrieb seit 2003 Stücke für Erlangen, Bochum, Werkstatttage des Burgtheaters.

Jette Steckel, *1982 in Berlin, studierte 2003–07 Regie in Hamburg. „Theater heute“ wählte sie 2007 zur Nachwuchsregisseurin des Jahres. Gertrud-Eysoldt-Preis 2008.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)

Kommentar zu Artikel:

"Die Kaperer": Als Noah in seiner Arche ertrank

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen