Neue Oper Wien: Der Kasperl als Killer

„Punch and Judy“, Harrison Birtwistles surreale Kammeroper: ein düsterer Mordsspaß.

'PUNCH AND JUDY' IN DER KAMMEROPER IN WIEN
'PUNCH AND JUDY' IN DER KAMMEROPER IN WIEN
(c) APA/ARMIN BARDEL

Punch soll sein Baby in den Schlaf singen, massakriert es aber stattdessen; seine Frau Judy stellt ihn zur Rede – und Punch ersticht sie: Das sind nur die ersten beiden, nicht immer dauerhaften Todesfälle in „Punch and Judy“, einer kapriziös-schwarzhumorigen „tragical comedy or comical tragedy“, die Librettist Stephen Pruslin auf Basis brutaler englischer Puppenspieltradition sprachlich virtuos ersonnen hat. Die Uraufführung 1968 machte Harrison Birtwistle zum Enfant terrible der britischen Komponisten.

Familiäre Gewalt hier wie dort, aber ein völlig anderer Zugang: Einen Tag nach der Festwochen-Premiere von Georg Friedrich Haas' Oper „Bluthaus“, die um sexuellen Missbrauch kreist und Betroffenheit erzielen will, blicken Walter Kobéra und seine Neue Oper Wien zu Birtwistles Achtziger in die jüngere Geschichte der Gattung zurück – und finden in „Punch and Judy“ eine kühlere und je nach Blickwinkel sogar kühnere, da auf Abstraktion fußende Erzählweise.

 

Quecksilbrige Musik

In der anarchischen Kasperlpuppenwelt des Punch werden Tabus nämlich lustvoll in der Luft zerrissen. Die sprunghafte, surreale Handlung spielt auf die improvisierten Szenen der Vorlage an, entwickelt aber durch einen ausgeklügelten Bauplan eigene Stringenz. Das leistet merkwürdigerweise vor allem die quecksilbrige Musik, gerade weil sie mit ständiger Rücksicht auf Strawinsky ein genau abgezirkeltes Pandämonium aufs Publikum loslässt: Atonalität in barocke Förmchen gegossen, grotesk verschrobene Märsche oder Tänze mit Tamburingeklingel, kunstvoll überhöhtes Jahrmarktsgegröle, spitz-sperrige Hektik – und immer wieder Ruhestrecken von sphinxhafter Schönheit.

Sind wir unter einer Brücke gelandet oder gar in der Kanalisation? Schmutzig wie Punchs Seele ist die Bühne, auf der Richard Rittelmann mit aufmüpfig zu Berge stehendem Haarschopf randaliert, mordet, der begehrten Pretty Polly entgegenreitet, masturbiert – aber auch einstecken muss: Regisseur Leonard Prinsloo verquickt die Story mit Elementen des „Grand Guignol“-Ekeltheaters. Blut spritzt zwar keines, aber Punch greift schon mal hungrig in die Klomuschel; später werden dem Rabauken die Augäpfel herausgerissen und verspeist. Jennifer Yoon verbreitet als überzeichnete Barbiepuppen-Puppe Polly Angst und Schrecken mit herrlich schrillen Tönen, die sogar Bildstörungen auf den Videoschirmen am Bühnenrand hervorrufen, die imposantesten Töne des Abends aber kommen von Till von Orlowsky, der als Chorführer die Handlung kommentiert und als Henker selbst in die Schlinge gerät. Die vertrackte Partitur ist bei Kobéra und dem Amadeus Ensemble-Wien in guten Händen: große Begeisterung in der Wiener Kammeroper. (wawe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2014)

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