„Ariadne auf Naxos“: Thielemanns triumphale Rückkehr

Mit „Ariadne auf Naxos“ in Sven-Eric Bechtolfs stimmiger Inszenierung feiert das Repertoiresystem im Haus am Ring einen Sieg. Weltstars und das Ensemble brillieren.

(c) STAATSOPER/ Michael Poehn

Ein großer Moment in der an exzellent besetzten Aufführungen bisher gar nicht armen Staatsopernsaison: Christian Thielemann beehrt Wien. Das Wort ist nicht zu hoch gegriffen, denn der begehrte Dirigent leitet jenseits der Festspielsaison Musiktheaterproduktionen ausschließlich in Dresden, wo er Chefdirigent ist – und eben in Wien. Hier liebt er die Zusammenarbeit mit dem philharmonischen Orchester und hat bekannt, gern möglichst jede Spielzeit zu erscheinen.

Entsprechend groß tönt der Jubel der Verehrergemeinde bereits, wenn Thielemann im Orchestergraben auftaucht. Was danach passiert, gehört zu den außerordentlichen interpretatorischen Ereignissen. Die Erwartungshaltung ist nicht nur im Auditorium, sondern auch beim Orchester selbst aufs Höchste gespannt. Die Musiker verehren Thielemann, man hört es vom ersten Ton an. Sie modellieren jedes Solo wie eine Liebeserklärung und schattieren den Klang in jede beliebige Nuance – und in jeder beliebigen dynamischen Ebene.

 

Steigerungsbögen, die nie abreißen

Das will bei den Philharmonikern etwas heißen. Wenn dieses Orchester all seine künstlerische Potenz mobilisiert, dann leuchtet die Musik – notabene jene von Richard Strauss – wie nirgendwo sonst. Jede kleinste Facette, mit der der Komponist die Pointen in Hofmannsthals artifiziell-subtilem Libretto illustriert, kommt zur Geltung. Doch sichert Thielemanns architektonische Übersicht auch im Dauerparlando des Vorspiels, erst recht in den Szenenfolgen der Oper stetige Entwicklungen, Steigerungsbögen, die nicht abreißen, auch wenn den Sängern zuliebe die Lautstärke immer wieder in zuweilen kaum mehr hörbares Pianissimo gedrosselt wird.

Diese Aufführung steht daher stets unter Hochspannung – auch, weil die Staatsoper eine Besetzung zur Verfügung hat, die bis in die kleinste Partie exquisit besetzt ist. Die Spitzen des jungen Ensembles bilden das Komödiantenensemble (vom eleganten Tenor Benjamin Bruns angeführt über Carlos Osuna und Jongmin Park bis zum melancholischen, doch energetischen Harlekin Adam Plachetkas) wie das Nymphenterzett (einzeln wie im Ensemble wohltönend und goldrichtig gewichtet mit Valentina Naforniţa, Rachel Frenkel und Olga Bezsmertna).

Im Vorspiel nehmen es Jochen Schmeckenbechers Musiklehrer und Norbert Ernsts Tanzmeister mit Strauss' kleinteiligen musikalischen Vorgaben ebenso auf wie – bewundernswert! – mit den schauspielerischen des grandiosen Haushofmeisters von Peter Matić. Beim Komponisten der Sophie Koch wird Hofmannsthals Sprachmelodie zur nach Noten formbaren von Strauss.

Und die quirlige Zerbinetta von Daniela Fally holt die Koloraturfeuerwerke aus der Perfektion des Maschinenzeitalters auf den Theaterboden der Commedia dell'Arte zurück: Diese Komödiantin scheint in ihrer Koketterie selbst erstaunt, wie gut ihr der von der verkorksten Dramaturgie dieses Stücks verordnete Ausflug ins „ernste Fach“ gelingt– und erhält dafür verdient Sonderapplaus.

 

So schreibt man Operngeschichte

Soile Isokoski gibt als Gegenpol mit prächtig gereiftem Sopran die Ariadne. Ihren leuchtkräftigen, fast zu selbstverständlich absolvierten Kantilenen setzt der für Wien neue, im Vorspiel hinreißend selbstironisch agierende Bacchus von Johan Botha eine Mixtur aus Heldentenorklängen und lyrischem Belcanto entgegen, die in ihrer Souveränität nicht nur heutzutage konkurrenzlos scheint.

Das alles scheint den Dirigenten und das Orchester zu immer neuen Höhenflügen zu inspirieren. Die Staatsoper schwingt sich damit zu einem Niveau auf, das selbst bei Festspielen rar ist. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Operngeschichte nicht mit Premieren geschrieben wird: Von dieser „Ariadne“ wird noch lange schwärmen, wer dabei sein durfte. Wer sich die Chance entgehen lässt, dem ist nicht zu helfen: Reprisen am 15., 18., 21. und 23.Oktober.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2014)

Kommentar zu Artikel:

„Ariadne auf Naxos“: Thielemanns triumphale Rückkehr

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen