Alexandra Reinprecht: Ich bin dagegen

Die Opernsängerin Alexandra Reinprecht hat keine Lust, das zu tun, was andere von ihr erwarten. Sie nimmt sogar falsche Töne in kauf – solange sie das Publikum berühren kann.

Alexandra Reinprecht
Alexandra Reinprecht
(c) APA (Herbert Pfarrhofer)

Theater, was sonst? Der Vater Sänger. Die Mutter Sängerin. Als Kind ist die Bühne so etwas wie das zweite Zuhause. Oder das erste, je nachdem. Aufregend war es jedenfalls, die Gänge in und zwischen den Salzburger Festspielhäusern zu erkunden: „Ich kenne die genau. Ich weiß, wie ich vom großen Haus in die Felsenreitschule komme.“ Und vor allem, wo es zum Schnürboden geht. „Auf der Beleuchterbrücke stehen und hinunterschauen“, das Glücksgefühl schwingt noch in der Stimme mit, wenn Alexandra Reinprecht von ihren ersten Opernerfahrungen – hinter und über den Kulissen – erzählt. „Ich hab’ auch genau gewusst, jetzt muss ich mucksmäuschenstill sein. Der Chordirektor hat zwar immer etwas missbilligend dreingeschaut, aber er hat akzeptiert: Die Kleine ist da.“ Eine introvertierte Stille ist sie sonst ja nicht gerade. Als Interviewpartnerin ist sie für den Journalisten, der ihr gegenüber sitzt und lauscht, die angenehmste Zeitgenossin. Fragen muss man wenige stellen. Antworten kommen in Hülle und Fülle.

Eine Lanze für Persönlichkeit. Denn Alexandra Reinprecht, die Quirlige, hat viel zu erzählen. Auch über die eigene Quirligkeit: „Freunde sagen, ich bin auf der Bühne authentischer als im wirklichen Leben.“ Andererseits hat sie manche Anekdote parat, die beweist, dass sie auch vis à vis von Direktoren und Intendanten die richtigen Antworten und schlagfertigen Pointen parat hat. Jedenfalls reagiert sie in der Regel nicht so, wie das Gegenüber das vielleicht vorausberechnen zu können geglaubt hat. „Heute wird so viel vom Mainstream geredet“, sagt sie, „ich bin dagegen. Ich bin anders. Das Fernsehen, der Film, die brauchen vielleicht den Mainstream, das, was alle erwarten. Die Bühne ist dafür nicht geschaffen. Im Gegenteil. Die braucht Authentizität.“

Die junge Dame, die eine Lanze für starke, unverwechselbare Persönlichkeiten bricht – „Ich funktioniere wie der Puck im Sommernachtstraum. Ich mache immer das, was man gerade nicht von mir erwartet“ –, plaudert auch aus ihrer Erfahrung, die sie als Stehplatzbesucherin gesammelt hat: „Wann“, so fragt sie rhetorisch, „waren wir denn begeistert von einem Sänger? Doch nicht, wenn der alle Noten brav abgeliefert hat. Soll einmal ein Ton schiefgehen. Wichtig ist doch, dass etwas rüberkommt! Eine Gilda (in Verdis „Rigoletto“) ist doch nicht gut, weil sie in der Arie alle Koloraturen sauber hat. Das interessiert mich als Hörer und Zuschauer eigentlich gar nicht.“

Und obwohl sie, wie ihr die Kritik allseits bestätigt, ihre Töne in der Regel alle sauber erwischt, sieht sie es als ihre Aufgabe, „zu berühren. Es ist rundherum sowieso alles so tot“. Mainstream halt.

Schade um die Ästhetik. Alexandra Reinprecht mag es auch gar nicht, wenn Zuschauer in allzu legerer Alltagskleidung ein Theater besuchen. Nicht, dass sich nicht jeder wohlfühlen sollte, aber: „Man braucht doch seine Rituale! Ich bin nie in Jeans in die Oper gegangen. Selbst wenn ich vorhatte, auf den Stehplatz zu gehen, war ich immer so angezogen, dass ich ohne Weiteres auch im Parkett sitzen konnte, wenn eine Restkarte frei wurde. Ich finde es schade, dass die Ästhetik am Theater verloren geht.“ Auch im Zuschauerraum. „Es ist ein Ritual, aber es hat etwas zu bedeuten, wenn man nach Hause kommt, sich herausputzt – Wasser, Creme, Puder – und dann, erfrischt, eine Aufführung besucht. Das hat etwas mit Freiheit, mit einer Befreiung vom Alltag zu tun. Und das wiederum ist etwas höchst Angenehmes. Ästhetik hat ja nicht unbedingt mit Qual zu tun. Das halte ich für eines der Missverständisse unserer Zeit!“

Ihren höchst unzeitgemäßen Hang, gegen den (auch ästhetischen) Mainstream zu opponieren, hat Alexandra Reinprecht von ihrer Mutter geerbt: „Sie hat mich so erzogen“, sagt sie, „mit viel Disziplin und mit dem Mut zur Schönheit.“ Die Disziplin war wichtig, um als Kind hinter den Kulissen „tragbar“ zu sein, wie schon erwähnt. „Da hieß es: Entweder du darfst ins Theater mit, oder du bleibst zu Hause bei den Großeltern.“ Das war für das Mädchen natürlich keine Frage.

Die Mama war auch die mahnende Stimme im Hintergrund, sobald sich herausstellte, dass die Theaterleidenschaft der Tochter zum beruflichen Schicksal zu werden drohte: „Du musst top sein“, hat sie mir gesagt, „sonst bist du der Rawuzel vom Dienst.“

Zum Rawuzel taugt Alexandra Reinprecht aber keineswegs. Schon in der ersten Bühnenproduktion, in der sie als Solistin auf der Bühne stand, eine „Hänsel und Gretel“-Aufführung der Musikschule Perchtoldsdorf, avancierte sie dank unübersehbaren Talents vom Traummännchen zur Gretel: „Da war ich 14“, erinnert sie sich, „und hab‘ die Partie freiwillig gelernt, weil ich sie einfach können wollte.“ Sie konnte. Mittlerweile ist die Wienerin – nach Lehrjahren in St. Gallen – Mitglied des Staatsopern­ensembles und hat zwei bedeutende Debüts vor sich: Auf die „Julia“ in Gounods „Romeo und Julia“ folgt im Oktober die Susanna in Mozarts „Figaro“.

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