"Eigentlich singt der ganz gut . . ."

Bariton Markus Eiche und Pianist Jens Fuhr feierten einen fulminanten Einstand als Lied-Gestalter im Musikverein. Im E-Mail-Dialog mit "Presse"-Musikkritiker Wilhelm Sinkovicz präsentierten sie vorab ihre Ideen.

Dienstag abend gab Markus Eiche im gemeinsamen Zyklus von Gesellschaft der Musikfreunde und Wiener Staatsoper sein umjubeltes Wiener Lied-Debüt im Gläsernen Saal des Musikvereins. "Presse"-Musikkritiker Wilhelm Sinkovicz bat den jungen deutschen Bariton (der übrigens auch ausgebildeter Elektortechniker ist) und seinen Pianisten Jens Fuhr vorab um ein paar Anmerkungen zu ihrer künstlerischen Arbeit. Daraus ist ein aufschlussreicher Mailverkehr geworden, der mit der Frage nach kurzen Erinnerungen an das erste musikalische Zusammentreffen der beiden Künstler begann.

Eiche: Während des Studiums hat mein Gesangslehrer Prof. Jaeger-Böhm aus Stuttgart uns zusammengeführt. Unsere ersten gemeinsamen Projekte waren im wesentlichen Liederabende, aber auch Gesangswettbewerbe, die wir gemeinsam mit großem Erfolg bestehen durften.


Fuhr: Damals war ich noch ein ganz junger Korrepetitor und stolz darauf, überhaupt Sänger begleiten zu dürfen. Ich erinnere mich gut, wie der Professor mir Markus in totalem Understatement vorgestellt hat. Beim Begleiten dachte ich: Also, ich finde aber, dass der ganz gut singt. Natürlich dachte Jaeger-Böhm das auch; aber ich war ja, wie gesagt, noch ganz unerfahren. Im Nachhinein ist es natürlich weniger verwunderlich, daß die Zusammenarbeit mit Markus von Beginn an eine eigene Welt war. Für mich entstand sofort, besonders auch als wir die Wettbewerbe und verschiedenen Vorsingen vorbereiteten, die schöne Illusion, als Pianist eine Art Bestandteil seines sängerischen Werdegangs zu sein. Realität geblieben ist, dass ich eine für mich unverwechselbare Spielweise gefunden habe, um Markus zu begleiten. Das darf ich sagen, gerade weil ich inzwischen mit einer wirklich großen Zahl an Sängern gearbeitet habe.(. . .außerdem sagt das auch meine Frau . . .)


Die Presse: Wie findet man musikalisch zu einer solchen Symbiose?


Eiche: Neben einer ausgiebigen Probenarbeit, während der wir konzentriert die Musik und unser Zusammenspiel entwickeln, ist es uns besonders wichtig geworden, möglichst viel Zeit privat zu verbringen. In gemeinsamen Gesprächen - und bei (leider viel zu selten gewordenen) gemeinsamen Unternehmungen wie Skifahren oder Grillen - pflegen wir unsere Freundschaft und schaffen so eine breite Basis an gegenseitigem Vertrauen. Darüber hinaus erleben wir unsere Freundschaft in einer selbstverständlichen Gleichberechtigung, durch die gerade unsere Musik wie ein Dialog geschehen kann: ein stets offenes und ehrliches Aufnehmen und Anbieten von neuen musikalischen Gedanken oder Einfällen. Hinzu kommt zumindest von meiner Seite eine gute Portion jugendlicher Naivität, die mich beispielsweise über stilistische Fragestellungen sorglos hinweg trägt, im Vertrauen darauf, dass die Frage nach dem Ausdruck der Emotion überwiegt. Vielleicht kann man gerade an diesem Beispiel erkennen, wie wir uns musikalisch ergänzen, denn Jens ist stets darauf bedacht jeder Dimension gerecht zu werden.

Wenn der Sänger einatmet

Fuhr: Wir finden uns musikalisch, indem Markus einatmet (. . . natürlich ist damit die sängerische Vorbereitung gemeint . . ). Im Grunde ist es wirklich so einfach. Warum es so einfach sein kann, hat andererseits doch viele Gründe, wie Markus ja auch gesagt hat. ich erinnere mich an einen Moment in einer Probe, in dem ich, um mich besser verständlich zu machen, meinte: „Dieser Ton klingt jetzt ungefähr grün, er müßte, glaube ich, mehr blau klingen." Wir haben tatsächlich darüber die musikalische Idee gefunden! (Das war sicher nicht synästhetisch, eher assoziativ.)

Die menschliche Stimme sagt die Wahrheit

Die Presse: Ihr gemeinsamer Abend im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins - am Dienstag, dem 17. Februar - stellt Gesänge von Schumann, Mahler, Richard Strauss und Erich Wolfgang Korngold zwischen zwei Gruppen von Schubert-Liedern. Wie findet man ein Programm, eine Dramaturgie für einen solchen Abend?


Fuhr: Meine Erfahrung bis heute ist eigentlich: Ein Lied-Programm kommt immer vom Sänger, wobei man als Begleiter im besten Sinne ein inspirierender Widerpart sein kann und soll. Diese Erfahrung mache ich allgemein, obwohl ich normalerweise als Begleiter mehr Lied-Repertoire kenne und auch durchaus einschätzen könnte, was in der jeweiligen Stimme liegen würde. Ich erkläre mir das so, daß die Stimme das authentischste „Instrument" ist, also ein Programm, das sängerisch authentisch werden soll, nicht nur aus einer souveränen Beherrschung kommen kann, sondern - wie auch immer - tiefer verankert sein muß. Ich sage einmal ganz klischeehaft: Die Stimme sagt die Wahrheit. Ich muß sagen, daß ich in dieser Einstellung auch wirklich belohnt werde gerade mit einer so spannenden und persönlichen Haltung, wie sie Markus in diesem Programm zeigt. Es ist keine Frage, daß die Lieder sich unter dieser Haltung mit verändern und zu etwas ganz Neuem werden können.


Eiche: In der Regel gibt es vom Veranstalter ein Thema, ein Motto oder Ähnliches. Das ist die Vorgabe, an der man sich orientieren und eine Liedauswahl treffen kann. Bei unserem bevorstehenden Liederabend gab es allerdings keinen derartigen Anhaltspunkt, was ich als Bestätigung und Herausforderung gleichermaßen aufgefasst habe. Es hat dann einige Zeit gedauert, ehe mir ein Gedanke kam, wie ich die Aufgabe aus meiner Sicht bestmöglichst umsetzten könnte. Und naturgemäß stand dieser auch deutlich in Verbindung mit dem, was mich selbst im Leben gerade beschäftigt hat; und um ihn komprimiert beim Namen zu nennen - verzeihen Sie mir bitte: die kollektive Bewusstheit unserer Gesellschaft über die individuelle Vergänglichkeit, gekoppelt mit dem Drang nach Selbstverwirklichung und der Panik, die daraus entsteht.

Die Vergänglichkeit - und die Panik davor

Eiche: Ich erlebe, dass sich mein Zeitgefühl umso rasanter anfühlt, je beschäftigter - genauer gesagt, je verplanter mein Leben wird. „Lebe ich meine Träume noch, oder träume ich schon das Leben"? Diese Frage hat mich sehr beschäftigt und ich bin froh, dass ich für mich eine Antwort gefunden habe, die selbst nur eine Lebensaufgabe sein kann: Träume die Träume und lebe das Leben, aber richte die Träume auf das Leben! Das vielleicht als Essenz einer recht intensiven inneren Auseinandersetzung, die sich nicht zuletzt durch die Ausarbeitung und Beschäftigung mit dem Programm herausgebildet hat. In meinem Lied-Repertoire habe ich hierzu nicht wenige Lieder gefunden, die genau diese Fragestellung aufwerfen: lohnt es sich, dem Leben oder den Träumen hinterher zu laufen? Die Antwort liegt auf der Hand.


Wo ist das Glück?

Unser Abend soll den Zuhörer öffnen, diese, seine Aufgabe wahrzunehmen - und ich kann jeden nur ermutigen, diese dann auch in Angriff zu nehmen. Und welches Motto könnte schöner für diese Gedanken sein, wenn nicht dieses, von Schmidt von Lübeck formuliert, aus dem wunderbaren Schubert-Lied „Der Wanderer" entlehnt: „Dort, wo du nicht bist..." - ist dort das Glück?


Die Presse: Und zuletzt, ganz prosaisch: Wovon träumt man vor, wovon nach einem Liederabend?


Eiche: davor träume ich vom Bier danach, danach von nichts davor nur danach.


Fuhr: Nach einem Liederabend kann ich mir meistens jede Sekunde und jede Stelle aus dem Konzert abrufen. Im Leben sind es immer nur einzelne spezielle Momente, die mir im Gedächtnis bleiben, also ist der Liederabend selbst vielleicht so eine Art Traum. Vor dem Liederabend laufe ich in einem dunklen Zimmer im Kreis und frage mich, warum ich das alles mache . . .

 

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