Furlanetto, mit jeder Faser ein König Philipp

Don Carlo in der Staatsoper: Mehrere Rollendebüts und ein Idealkönig.

(c) Michael Poehn

Mit der Zeit wird aus Gras Milch, weiß ein Sprichwort. Und mit der Zeit – es dauerte fast eine Stunde – wurde aus diesem „Don Carlo“ an der Wiener Staatsoper doch noch Musiktheater. War die 17. Aufführung der so hilflosen wie die Sänger hilflos alleinlassenden Inszenierung von Daniele Abbado optisch bis dahin recht blutleer – gelegentliche Gewaltakte aus dem Orchestergraben (Dirigent: Marco Armiliato) lieferten dazu einen schrägen Kontrast –, so änderte sich mit dem Auftritt Ferruccio Furlanettos als Philipp alles.

Er braucht noch keinen Ton zu singen, nimmt er die Bühne schon in Besitz, jede Faser ein König, jede Geste ein Herrschaftsinstrument, jeder Blick eine Landnahme. Und wenn sich dann sein Nobelbass zu verströmen beginnt, merkt man sofort: Hier geht es nicht um viel, hier geht es um alles, in jeder Sekunde. Noch ist er von einem Panzer an Härte umgeben, später wird er wie ein Häuflein Monarchen-Elend auf dem Thron kauern.

 

Der Großinquisitor vom Dienst

Die Schwäche einer Inszenierung zeigt sich ja in ihrem vollen Umfang oft erst im Repertoirebetrieb, wenn neue Sänger sich darin zurechtfinden müssen. Von den Rollendebüts gelang das nur Béatrice Uria-Monzon – eine Eboli wie eine Naturgewalt, ohne Scheu, ihren kraftvollen Mezzo in farbliche Grenzregionen zu führen, wie sie dieser liebenden Furie angemessen sind. Während sie ihre Gefühlswelten auch überzeugend auf die Bühne brachte, lagen die Stärken von Maria Pia Piscitelli mehr im Vokalen. Für eine Elisabetta ist ihr runder Sopran auffallend dunkel, was sich gerade im Schlussakt als Trumpf erwies. Ihr zur Seite sang Tenor Stefano Secco einen recht ordentlichen Carlo, auch mit Luft nach oben im Darstellerischen. Die freundschaftlichen Gefühle für Posa (berührend, an entscheidenden Stellen immer noch eins draufsetzend: Dmitri Hvorostovsky) blieben Pose, die Liebe zu Elisabetta eine Behauptung.

An Intensität kaum zu übertreffen dafür das große Duett der Bässe. Eric Halfvarson als Großinquisitor vom Dienst bewies einmal mehr, dass ihm in dieser Rolle derzeit kaum jemand das Weihwasser reichen kann. Wie sich der körperlich gebrechliche Mönch und der seelisch gebrechliche König aneinanderklammern und das Ungeheuerlichste verhandeln, das muss man erlebt haben. Gelegenheit dazu bietet sich am 25. 2. und am 1. 3.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2015)

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