„The Tempest“: Schöne Bilder, schrille Weisen

Thomas Adés dirigierte seine raffiniert zwischen allen Stilen vermittelnde Vertonung von Shakespeares „Sturm“ in luxuriöser Sängerbesetzung, pittoresk inszeniert von Robert Lepage.

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ARCHIVBILD: FOTOPROBE ´THE TEMPEST´ – (c) WIENER STAATSOPER/MICHAEL P�HN (MICHAEL P�HN)

Stürmische Begeisterung für eine Opernnovität im Haus am Ring. Wie denn auch anders?, möchte man fragen. Die Zeiten, in denen Neues auf Ablehnung stieß, sind vorbei. Wer mitreden möchte, gibt sich aufgeschlossen – selbst wenn er sich im Stillen nach der nächsten Puccini-Premiere sehnt.

Freilich, im Falle von Thomas Adés liegen die Dinge ein wenig anders. Seine Shakespeare-Veroperung wurde nicht nur zum „Kassenschlager“, weil es gerade als schick gilt, sich für Avantgarde zu engagieren. Für den raffinierten Musik-Handwerker scheint die gesamte Musikgeschichte offen dazuliegen, als eine Art historische Palette, deren Farben nach Belieben neu gemischt werden können. Tatsächlich ist die Situation des Komponisten im angehenden 21.Jahrhunderts rosig wie noch nie, vorausgesetzt, er verfügt über das nötige technische Rüstzeug.

 

Ein Kompass zur Navigation im Nirwana

Das nimmt sich aus wie eine Korrektur des Schicksals. Was 100 Jahre zuvor nach einem Befreiungsschlag aussah, die „Befreiung“ der Kunstmusik von den Fesseln der Dur- und Moll-Tonalität, entpuppte sich ja als regelrechte Falle. Im Nirwana eines harmonischen Weltalls, in dem plötzlich jegliche Tonbeziehung möglich und erlaubt schien, ging mit einem Mal fast gar nichts mehr. Man suchte nach Auswegen, ideologischen Reglements und Systemen, von denen Arnold Schönbergs Zwölftonmethode besonders berüchtigt werden sollte. Erst die Jungen Wilden, die gegen die Bevormundung durch Schulen und „Ismen“ jedweder Natur revoltierten, schufen im ausgehenden 20.Jahrhundert die Grundlagen für die nachfolgende Generation: Thomas Adés ist einer jener Künstler, die nun die Ernte einfahren.

Die Theaterpranke ist ihm offenbar angeboren – darin gleicht er tatsächlich Benjamin Britten, der so häufig als Vorbild genannt wird, wenn die Erfolge von Adés kommentiert werden. Er ist imstande, mit wenigen Strichen eine Situation zu charakterisieren, Stimmungen zu evozieren, aber auch dramaturgische Eskalation zu betreiben. Dabei greift er stets in den richtigen Topf: Die Musik des „Tempest“ beginnt, wie könnte es anders sein, mit einer grell dissonierenden, beängstigend anschwellenden tönenden Schilderung des Sturms, den Prospero entfacht. Sie kennt in der Folge freilich auch ganz zarte, behutsam skizzierte Passagen, wenn es um zerbrechliche Seelen wie jene Mirandas und Ferdinands geht, denen ein Liebesduett geschenkt wird, wie es wohltönender nicht zu denken ist. Womit im Ausklang des Mittelaktes, rechtzeitig vor der Pause, der Moment des Innehaltens erreicht ist und die zuvor oft so kühn getürmten Akkorde im Orchester ungeniert in Dur- und Moll-Dreiklänge münden. Zwischendrin gibt es karge, oft nur zweistimmig geführte Passagen, Anlehnungen an barocke Formenwelten und etliche expressive Untermalungsmusik, die nicht selten ins Geräuschhafte abschweift – und zwar stets in enger Anlehnung an Shakespeares Erzählung, sodass die Sinnfrage sich nie stellt.

Die Musik, die der Dirigent Adés dem Staatsopernorchester hie und da sogar in swingender Rhythmik und durchwegs dem edelsten Klangsinn verpflichtet, entlockt, scheint wie gute Filmmusik in jedem Moment aus demselben entwickelt.

 

Buntes, filmreifes Avantgarde-Musical

Was wiederum Robert Lepage dazu inspiriert hat, „The Tempest“ üppig wie ein aufwendiges Musical zu inszenieren; in Dekors von Jasmine Catudal, die Prosperos Magie als Theaterzauber entlarvt: Und weil er der Herzog von Mailand war, spielt das Stück im Teatro alla Scala, das wir einmal vom Zuschauerraum, dann wieder von hinter der Bühne und zuletzt im Querschnitt zu sehen bekommen, fantastisch ausgeleuchtet als fulminante Kostümshow (Kym Barrett) und nur zum besagten Duett in Gefahr, dem Kitsch anheimzufallen, wenn im Hintergrund das Meer rauscht wie auf der Titelseite eines Reiseprospekts.

Kein Wunder also, dass das Publikum vor Begeisterung tobt. Es kann diese Produktion genießen wie zeitgenössisches Unterhaltungstheater; und das sollte Oper ja auch wirklich sein. Insofern führt man uns zurück in frühere Zeiten eines unverkrampften Zugangs zum Genre. Die Sänger freilich stellt Adés vor aberwitzige Aufgaben, die das Ensemble dieser Wiener Erstaufführung (wirklich ohne den kleinsten Schwachpunkt) mit bewundernswerter Souveränität löst. Den elegant und melancholisch-schön singenden Prospero Adrian Eröds treibt die Partitur in höchste Höhen, aber auch tiefste Tiefen des Baritonregisters. Audrey Luna zwitschert und zirpt und tiriliert als Ariel in der Ultra-Sopran-Stratosphäre, kann der umwerfenden Attacke ihres Auftritts (pardon: Aufflugs) zuletzt aber auch lyrische Qualitäten entgegensetzen, wie sie Stephanie Houtzeel und Paval Kolgatin als Liebespaar durchwegs hören lassen: Da strömen Edelstimmen.

Thomas Ebenstein gibt den Caliban – ein bisschen weniger wild und böse als bei Shakespeares, sogar hie und da subtil phrasierend, während Librettistin Meredith Oakes ja wiederum den Prospero weniger freundlich zeichnet als gewohnt.

Die Hofgesellschaft – köstlich abgerundet durch die Rüpel David Daniels (im Counter-Bereich) und Dan Paul Dumitrescu (als Basso profondo) – führt Herbert Lippert als König an: Sein gefühlvoller Trauergesang auf den scheinbar verlorenen Sohne fließt in eine regelrechte Chaconne, mit der Adés nach Manier barocker Meister sein Werk kunstgerecht und stilbewusst beendet. Bei alledem wird (auch vom Chor) noch filmreif gespielt! Tatsächlich: Der Jubel ist berechtigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2015)

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