Sibelius-Jubiläum in Lahti: Klüfte, Kanten, knappe Zeichen

Finnland feiert den 150. Geburtstag von Jean Sibelius: mit Orchester- und Kammermusik beim Sibelius-Festival in Lahti, in Helsinki mit der Erstfassung des Violinkonzerts. Dort gab es vergangene Woche auch eine neue Symphonie von Kalevi Aho zu hören.

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Was für ein Ereignis jedes Mal, wenn sich das majestätische Posaunensolo aus den wie zusammengedrängten Stimmschichten herausschält – und am Schluss erst, wenn die bohrenden Vorhaltsnoten sich endlich in ungetrübtes C-Dur auflösen! Dann jedoch reißt die siebte Symphonie (1924) von Jean Sibelius plötzlich ab, als sei damit alles gesagt. Und wirklich: Zwei Jahre später verfiel er nach außen hin in ein kompositorisches Schweigen, das die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens andauerte, das Material zu einer – entsprechend mythenumrankten – Achten hat er offenbar vernichtet.

Nein, in die Karten ließ er sich nicht gern schauen, der große Finne. Das heurige Jubeljahr (geboren wurde er am 8. Dezember 1865) ist freilich ein Anlass, auch die von Sibelius zurückgezogene Erstfassung des populären Violinkonzerts wieder einmal zur Diskussion zu stellen. In Helsinkis architektonisch aufsehenerregendem, 2011 eröffnetem Musiikkitalo (Haus der Musik) mit einem noblen großen Konzertsaal nach Art der Berliner Philharmonie trat die Geigerin Elina Vähälä den enormen Schwierigkeiten des Werks mutig entgegen. Ihr weich singender Ton erfreute, ganz freispielen konnte sie sich nicht – obwohl Hannu Lintu die Zügel des Finnischen RSO straff hielt.

 

Mächtige Schlussakkorde

Da hatte es tags darauf Vähäläs russischer Kollege Sergey Malov leichter: Von Okko Kamu und dem BBC Symphony Orchestra feinfühlig und zweckdienlich begleitet, gab er dem Solopart der Zweitfassung des Violinkonzerts schlanke, biegsame Kontur – und zwar in Lahti, wo das alljährliche internationale Sibelius-Festival diesmal gleichsam das Herzstück der finnischen Jubiläumsfeiern bildete. Dort kombiniert die vor 15 Jahren eingeweihte Sibeliushalle in einem gläsern eingerahmten Holzbau den traditionellen „Schuhschachteltyp“ eines Konzertsaals (parallele Seitenwände) mit sanften und deutlichen Kurven von Sitzreihen und Rängen. Das akustische Ergebnis ist hervorragend, besonders die Pianissimi scheinen zum Greifen nah plastisch im Raum zu schweben. Vor einem gebannt lauschenden Publikum wurden so auch die Generalpausen zwischen den mächtigen Schlussakkorden der fünften Symphonie zu Klangereignissen – obwohl es der sportiv-zügige Jukka-Pekka Saraste am Pult der Sinfonia Lahti an letzter Größe fehlen ließ.

Interessant ist ja, dass finnische Interpreten die ebenso tiefen wie tiefsinnigen Klüfte thematischer oder harmonischer Natur in Sibelius' Musik oft weniger drastisch ausspielen als anderswo üblich. Okko Kamu ist noch dazu das Gegenteil eines Showman: Etwa bei der eingangs erwähnten Siebten oder einer fein ziselierten Sechsten mit ihren ähnlich lakonisch zu nennenden Satzschlüssen erzielte er mit aufs Wesentliche reduzierter Zeichengebung erstaunliche Intensität.
Nach dieser Saison scheidet Kamu aus Lahti, der 1975 geborene Russe Dima Slobodeniouk wird sein Nachfolger als Künstlerischer Leiter des Sibelius-Festivals, das nachmittags auch gediegene Kammerkonzerte im intimen Kalevi-Aho-Saal bietet.

Apropos Aho und zurück nach Helsinki: Dort wurde auch die 16. Symphonie des 66-jährigen „Ehrenkomponisten“ der Sinfonia Lahti im Musiikkitalo vom RSO unter Lintu aus der Taufe gehoben. So wie sich Schriftsteller den Roman nicht ausreden lassen wollen, gehört Aho ja zu jenen Musikern, die unverdrossen an dieser ehrwürdigen Gattung festhalten. In dem vielgestaltigen, mehr als 50 Minuten lang durchwegs anregenden Werk für Streicher und Schlagzeug ist im Finale auch ein Mezzosopran (Virpi Räisänen) zu hören, zuerst hinter der Bühne mit einer Vokalise, dann im Orchester, schließlich wieder aus der Ferne. Die deutschen Titel der fünf Sätze sind Zitate aus dem Gedicht „Die Fahrende“ von Gertrud Kolmar, die 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde – und es fällt schwer, in den expressiven und im Finale auch expressiv gesungenen deutschen Versen nicht auch Echos der aktuellen europäischen Flüchtlingskrise zu vernehmen.

Sibelius Festival Lahti 2016: 8. bis 11. September;
Info: www.sinfonialahti.fi

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2015)

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