Der wilde, atonale Klang des Südens

Das New Yorker »Elevator Repair Service« zeigt bei den Wiener Festwochen John Collins' Dramatisierung von »The Sound and the Fury«: Einige starke Momente, eine intensive Atmosphäre, vor allem aber erzeugt dieses viel zu ambitionierte Projekt Langeweile.

William Faulkners 1929 veröffentlichter Roman „The Sound and the Fury“ ist einer der anspruchsvollsten Texte der Weltliteratur. Er erzählt aus mehreren Perspektiven den Zerfall der Familie Compson, die einst mächtig war in den Südstaaten der USA und sich durch Neid, Selbstsucht, Rassismus zerstörte.

Der erste Teil wird aus der Sicht eines geistig behinderten Taubstummen erzählt: Benjy Compson feiert am 7.April 1928 seinen 33.Geburtstag. Sein Bewusstseinsstrom führt ihn bis 1898 zurück. Feuer, Golf, das Begräbnis der Großmutter vor 30 Jahren, der Selbstmord des Bruders, die Schwester Caddy, die von der Familie verstoßen wurde, beschäftigen ihn unentwegt. Er erzählt eine Geschichte, wie sie Shakespeares Macbeth im fünften Akt beschreibt, von dort hat der Roman den Namen: „A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing.“

Bei Faulkner wird dieser Irrsinn aufgelöst, indem er dem ersten drei weitere Teile folgen lässt, die aus den Perspektiven anderer Mitglieder des Haushalts die Geschichte erhellen. Bei den Wiener Festwochen hat jedoch die New Yorker Schauspieltruppe Elevator Repair Service das Unmögliche versucht. Sie konzentrierte sich auf Benjys Story. Ihre Dramatisierung von „The Sound and the Fury“, die am Freitag im Museumsquartier ihre Österreichpremiere hatte, scheiterte grandios.

Choreografiertes Chaos. 140Minuten dauert der Wahnsinn von Regisseur John Collins. Das ist zwar kurz im Vergleich zur großartigen sechsstündigen Dramatisierung von „The Great Gatsby“, die vor zwei Jahren in Wien triumphierte, aber immer noch zu lang, geradezu lähmend. Bühne und Licht (David Zinn, Mark Barton) sind zwar atmosphärisch stimmig, evozieren im choreografierten Chaos vergammelten Südstaatenschick, aber folgen kann man dieser inszenierten Lesung mit der Einblendung zweisprachiger Inserts kaum.

Erschwerend wirkt sich aus, dass Benjy abwechselnd oder simultan von Susie Sokol und Pete Simpson gespielt wird, sein Vater Jason gleich von einem Quartett – Randolph Curtis Rand, Ben Williams, Greig Sargeant und Vin Knight, so wie seine Schwester Caddy von Tory Vazquez, Kate Scelsa, Kaneza Schaal und Annie McNamara. Zwölf quicke Darsteller, die stilsicher 70 Seiten Text durchackern, denen so manche Impression hervorragend gelingt, machen noch keine gute Aufführung aus. Langweilig war es über weite Strecken, trotz des tollen Sound-Designs (Matt Tierney). Hier wurde Faulkners Meisterwerk rüde kastriert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009)

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