Das Vaterland und der Schmerz

Konzerthaus. Das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer und András Schiff brachte ein Programm, das durchaus auch politisch zu verstehen war.

Konzerthaus
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(c) Clemens Fabry

„Orchester international“ heißt der Zyklus, zu dem dieser Abend zählte. Kein Zweifel, dass das von Iván Fischer 1983 mitbegründete Budapest Festival Orchestra längst zu den international wichtigen Klangkörpern zählt. Auch im Großen Saal des Konzerthauses erwies es sich als glänzend auf seine sehr unterschiedlichen Herausforderungen vorbereitet, abgesehen von einigen Unsicherheiten zu Beginn von Schumanns „Manfred-Ouvertüre“, die es schließlich mit spannender Attitüde gestaltete.

Gleich anschließend galt es den diesmal auf einem Bösendorfer wundervoll kantabel und sehr frei musizierenden András Schiff beim ersten Klavierkonzert von Brahms zu begleiten; nach der Pause folgten mit „Aus Böhmens Hain und Flur“, „Šárka“ und „Die Moldau“ drei der heikel darzustellenden Tondichtungen aus Smetanas Orchesterzyklus „Mein Vaterland“. Und auch diese Aufgabe meisterten die ungarischen Musiker unter ihrem zwingend disponierenden langjährigen Orchesterchefs bravourös.

Doch bei diesem gefeierten Gastspiel im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee ging es nicht nur um die bestmögliche Darstellung eines sorgfältig ausgesuchten Programms. Es war auch ein Aufschrei, ein heftiger Aufschrei gegen die gegenwärtige politische Situation in Ungarn. Sie hat András Schiff dazu geführt, dass er mittlerweile in seinem Geburtsland nicht mehr auftritt. Während Iván Fischer meint, dass man seinen Protest besser durch die Arbeit im eigenen Land und entsprechende Aktionen zeigen sollte. Aus dieser Perspektive waren die Zugaben zu sehen: Schiff spielte, durchaus nachdenklich, den „Fröhlichen Landmann“ aus Schumanns „Album für die Jugend“, ehe er die unerwartet als Sänger auftretenden Orchestermusiker bei „Liebe Schwalbe“ aus den „Zigeunerliedern“ von Brahms begleitete.

Um Heimat in einem sehr weiten, sehr persönlichen Sinn geht es auch in Dvořáks „Mährischen Duetten“. Vier davon wurden zwischen die drei Smetana-Tondichtungen eingefügt. „Denn mein Herzgeliebter geht auf fremden Wegen“ schließt das letzte aus dieser Auswahl, „Der Schmerz“. Unmissverständlicher hätte man die eigentliche Absicht dieses damit auch sehr politischen Abends nicht artikulieren können. Kunst als Plädoyer für eine sehnlich erhoffte neue politische Kultur im eigenen Land. Das war es, was dieses Konzert so besonders machte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2015)

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