Von Marktschreiern und Symphonien fürs Wohnzimmer

Die Company of Music brachte feinsinnig gesungene A-cappella-Musik von Barock bis heute ins Konzerthaus.

WEIN & CO Weinfestival - MondoVino erstmals im Wiener Konzerthaus: Weine vor den Vorhang holen!
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Wiener Konzerthaus – (c) Wiener Konzerthaus

Applaus, Applaus! Die Interpreten klatschen unisono ein rhythmisches Muster – bis sich eine zweite Stimme herausbildet. In ihr verschiebt sich alle acht oder zwölf Takte das Muster, bis die Stimmen wieder im Einklang zueinander finden. Mit Steve Reichs „Clapping Music“ begann die Company of Music unter Johannes Hiemetsberger ihr Zykluskonzert im Mozartsaal – und wurde damit gewissermaßen auch ihrem Namen gerecht, der ja mehr meint als „nur“ eine A-cappella-Gruppe.

Das begeisterte Publikum bekam in diesem wunderbar geschlossenen Programm „Circus“ nicht nur ein in allen Stilen bewandertes, musikalisch eindrucksvoll sonores Ensemble in wechselnder Besetzungsstärke zu hören, bei dem vor allem die Damen bis in höchste Sopranlagen schön und sauber tönten, sondern vernahm auch Wispern, Krächzen, Raunen, Gähnen als Teile eines gut geölten, vielfach komödiantisch schnurrenden Räderwerks.

 

Abstrahierte, schwebende Schönheit

Unterhaltsame Kanons aus der Zeit um 1700, darstellerisch ausgebaut, die rätselhaft abstrahierte, schwebende Schönheit eines Luigi Nono, John Cages ironische „Living Room Music“, musiziert auf Alltagsgegenständen, Luciano Berios Erinnerungen an markige Marktschreierrufe („Cries of London“), eine zwischen Poesie und Parodie vermittelnde Andersen-Vertonung des Dänen Bo Holten (auch für die Filmmusik zu „Element of Crime“ bekannt): Bei alledem traf Regisseur André Turnheim in seiner szenischen Einrichtung ein grundmusikalisches Timing.

Kein optischer Gag war zu breit ausgewalzt, keine augenzwinkernde Interaktion behinderte je das Atmen der Werke selbst, alles griff in ausgewogener Dramaturgie wie zwanglos und doch bestimmt ineinander. Mag sein, dass beim ersten der fünf individuell erblühenden „Flower Songs“ Benjamin Brittens der Umstieg vom komplexen Reich'schen Klatschen aufs Singen nicht ideal geschmeidig geriet. Und schade, dass in Julia Lacherstorfers „Metamorphoses“ (Uraufführung mit Beteiligung der Komponistin auf der Violine) divergierende Stile von behauptetem E-Musik-Tiefsinn bis zu naiven und Popularmusik-Einsprengseln recht willkürlich aneinandergereiht schienen. Der allgemeinen Freude tat das aber keinen Abbruch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2016)

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